Der letzte Eintrag ist mal wieder etwas laenger her, es wird hoechste Zeit fuer ein kleines Update.
Wie ich sicherlich schon mal erwaehnt habe, muss ich in diesem Semester normalerweise nur montags und donnerstags zur Uni, um meine zwei Vorlesungen zu halten – Calculus 156 und Calculus 186, je eine Vorlesung an jedem der zwei Tage. Uebungsaufgaben werden ins Netz gestellt, Uebungen von den TAs veranstaltet. Da sonst i.a. nichts von mir verlangt wird, habe ich somit zum einen einen gutbezahlten Teilzeitjob, zum anderen viel Freizeit – sollte man meinen! In wirklichkeit fuellt sich die Restzeit aber schnell mit anderen “Projekten” an.
Zuerst und vor allem natuerlich das Likoergeschaeft, das Quanbo und ich so intensiv wie wir nur koennen voran treiben. Unser Hauptfokus liegt momentan auf eine Kette namens Liquormart (www.liquormart.cn). Anscheinend hat ein Chinese, der sein Vermoegen mit Immobilien gemacht hat, beschlossen, den chinesischen Markt fuer Alkoholika aller Art aufzurollen. In jeder kleineren Stadt gibt es derzeit kleine Schnappslaeden, die eine riesige Vielzahl von Reisschnapps-Varianten verkaufen. Auf die Dauer werden diese auch andere Sachen, wie Wein, Cognac, Whisky etc. verkaufen muessen, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Der Typ hinter Liquormart hat folgerichtig erkannt, welche Kaufkraft entfesselt wird, wenn man anfaengt, mit einer landesweiten Kette diese Entwicklung vom reinen Reisschnappsgeschaeft hin zu allgemeinen Alkoholika mitzumachen.
Ursprung der Liquormart-Kette ist in Hangzhou, und dort sind bis jetzt auch alle acht Fillialen. Bis Ende November werden fort noch drei, in Shanghai 1-2 Filialen eroeffnet, bis naechstes Jahr moechte man 100 Filialen, bis 2010 1000 Filialen in ganz China haben. Wir hatten schon im Juni fuer die dann existenten fuenf Filialen einen Vertrag unterschrieben, wonach wir unsere Likoere dort verkaufen koennen. Nun probieren wir, am Ball zu bleiben, und in jeder neu eroeffneten Filiale zumindest einige unserer 20 Likoervarianten zu verkaufen.

Das ist leichter gesagt als getan, nicht etwa weil es irgendwelche prinzipiellen Probleme gaebe, sondern weil die Chinesen schlicht vollkommen chaotisch organisiert sind. Letztes WE sollte am 4.11. (Sonntag) eine neue Filiale eroeffnet werden, und wir wurden extra gebeten, bei der Eroeffnung anwesend zu sein und unsere Waren vorzustellen. Als wir am Samstag um 15:00 Uhr anriefen, um letzte Details zu klaeren, sagte man uns, die Eroeffnung sei um einen Tag vorgezogen! Der Filialchef wusste nichts davon, dass die Kettenvertretung in Shanghai uns extra die Eroeffnung ans Herz gelegt hatte, und der Koordinator in Hangzhou, mit dem Quanbo die Woche zuvor praktisch jeden Tag telephoniert hatte, hat die Vorziehung des Termins nicht erwaehnt, obwohl wir immer sagten “Wir kommen am Sonntag zum neuen Laden, um unsere Sachen zu praesentieren.” Die Tatsache, dass der Laden am Tag vorher eroeffnete, und Sonntag der alte Termin war, schien ihm eine nicht erwaehnenswerte Koinzidenz zu sein! Jedenfalls sind wir dann Samstag Nachmittag Hals ueber Kopf nach Hangzhou gefahren (allein dies ist eine lange Geschichte! Die Fahrt war ein Horrortrip aus verpassten Zuegen, privaten Automitfahrgelegenheiten und unfaehigen Taxifahrern) und kamen abends kurz vor acht Uhr an. Der Laden hatte bis zehn Uhr auf, und wir haben noch ein paar Leute unsere Produkte probieren lassen koennen. Am Sonntag waren wir auch noch da (wir uebernachteten in Hangzhou) , und konnten am WE insgesamt drei Flaschen verkaufen. Das hoert sich nach wenig an, und deckte nur fast unsere Kosten, aber das wichtige war, dass wir eine Beziehung zum Ladenpersonal aufgebaut hatten und ihnen Informationen ueber Likoere geben konnten.
(Nebenbei bemerkt: wir hatten am Montag zuvor die Lieferung von 18 Kisten Likoere, eine Kiste mit 6 Flaschen je Sorte, an die neue Filliale veranlasst. Diese Lieferung geht immer zuerst an das zentrale Liquormart Lager in HZ. Als wir im Laden waren, sahen wir aber nur 15 Sorten, davon eine, die wir gar nicht fuer die Filiale gedacht hatten, und nur drei Flaschen je Sorte. Warum und wieso die Abweichung konnte man uns nicht sagen. So etwas ist in China durchaus normal, das aller, allerwichtigste bei solchen Geschaeften ist es, vor Ort noch mal alles zu ueberpruefen und bei Problemen/Fragen praesent zu sein!)
Aus steuerlichen Gruenden lasse ich mir einen erklecklichen Teil meines Gehaltes als Bonus am Ende meines 1-Jahresvertrages (29. Februar) auszahlen. Damit geht ein grosser Teil des verbleibenden monatlichen Einkommens fuer die Ratenzahlungen fuer unsere Wohnung drauf. Quanbo hat zwischenzeitlich als freiberufliche Uebersetzerin gearbeitet, mit allen Hoehen (bezahlte Ueberstunden und bezahlte Spesen in einer Cocktailbar fuer uns beide, um einen deutschen Gast einer Firma zu unterhalten) und Tiefen (2-3 Wochen lang kein Auftrag oder nur frustrierende, schlechtbezahlte schriftliche Uebersetzungsauftraege) desselben. In den letzten zwei Wochen hat sie je drei Tage fuer eine franzoesische Chemiefirma (heisst Arkema) gearbeitet. Recht weit ausserhalb von Shanghai, in Nanhui, hat sie fuer einige Deutsche, die Trainingskurse fuer das chinesische Personal gehalten haben, gedolmetscht. Das war gutbezahlte, relativ leichte Arbeit, aber morgens und abends je zwei Stunden Fahrt. Die Deutschen kamen uebrigens von derselben Fabrik in Deutschland, die bald dichtgemacht wird, und deren Aufgaben von ebendieser chinesischen Fabrik uebernommen werden. Nachdem sie die Kurse gehalten haben und noch einige Kleinigkeiten abgewickelt werden, muessen sie sich “umorientieren”, d.h. sind erst mal arbeitslos. Den groesstenteils komplett unfaehigen Chinesen, die einem den Job wegnehmen, beibringen zu muessen, wie man die Arbeit, in der man 15 Jahre Erfahrung hat, richtig macht, muss die Hoelle sein! “Insult upon injury” wuerde der Angelsachse sagen.
Nun hat Quanbo aber nebenbei noch nach einem richtigen Job gesucht (die Sache mit Kim hat sich wohl groesstenteils erledigt – lange Geschichte!) und wird von einer chinesischen Firma als Projektmanagerin eingestellt. Die kleine Firma importiert deutsche Gesundheitsprodukte, wie Massagekissen oder Koerperpflegecremes, aber auch “Dr. Beckmanns Fleckensalz” und hat jede Menge Bedarf an Uebersetzungen von Prospekten, Planung von Webseiten (Design macht ein Spezialist, aber sie wollen eine “auslaendische Perspektive”) und interaktion mit deutschen Partnern. Der Vertrag ist unterschrieben und der Job ist ab 1.11., wegen der Arkema Sache tritt Quanbo ihn aber erst am 15. 11. an.
Nebenbei geben wir beide auch Deutscheinzelunterricht. Die Hoffnung ist, mit diesem Einkommen die laufenden Kosten fuer Sachen wie Fahrten Hangzhou, Drucken von Prospekten und vielleicht kleinen Luxus (franzoesischen und italienischen Kaese) zu decken. Quanbo hat eine 18-jaehrige Schuelerin, die sich voll auf Musik konzentriert und hier gar nicht mehr die Schule besucht. Sie lernt Dirigieren, und will naechstes Jahr nach Wien an die Kunst- und Musikhochschule, um dort zu studieren. Da diese Hochschule kein Abi verlangt, sondern lediglich eine musikalische Aufnahmepruefung hat, muss das Maedchen schnell fast fliessend Deutsch lernen (Deutschkenntnisse muessen ueber ein “Zerifikat Deutsch” oder eine Pruefung an der Hochschule nachgewiesen werden). Quanbo gibt ihr im Durchschnitt 4-6 Stunden Unterricht die Woche.
Ich hingegen habe einen chinesischen Manager einer Zweigstelle von Elotex (“Dulux Farben”) als Schueler. Er kann praktisch fliessend Englisch, und so bringe ich ihm mit Hilfe von einigen Lehrbuechern Deutsch bei. Jede Woche etwa zwei Stunden, und ich kriege dafuer 30 Euro/Stunde. Das ist dreimal soviel wie Quanbo bekommt; die Differenz erklaert sich dadurch, dass ich “echter Deutscher” bin. Da Quanbo eigentlich viel mehr von Deutsch versteht als ich (ich koennte einen Akkusativ nicht erkennen, wenn er mich in den Allerwertesten biesse), ist das natuerlich aeusserst ungerecht und ein Quell steter Aufregung von Quanbo!
Ausserdem stellte sich heraus, dass schriftliche Uebersetzungen Deutsch-Englisch und Englisch-Deutsch hier auch gefragt sind, und mehr als doppelt so gut bezahlt werden, wie (muehsamere) Deutsch-Chinesisch/Chinesisch-Deutsch Uebersetzungen. Von Zeit zu Zeit kuemmere ich mich also auch um eine Urkunde, einen Besuchsbericht bei einem Mercedes-Zulieferer oder eine Fernsehanleitung eines chinesischen No-Name Produzenten. Letztere war sogar sehr einfach und angenehm, ich hoffe, spaeter jede Woche eine Aleitung machen zu koennen.
Zwischendurch muessen wir uns auch ein wenig um die Registrierung unserer Firma kuemmern. Frank vollbringt gerade buerokratische Meisterleistungen bei der “Legalisation” meines Passes, die fuer diese Registrierung notwendig ist. Was ist Legalisation? Eine Art Super-duper-Ueberbeglaubigung, hier ist ein Merkblatt. Die Abenteuer von Frank bei dieser Sache koennt ihr auf seinem Blog lesen.
Ich schreibe diese Zeilen gerade in einem hoffnungslos ueberfuellten Zug nach Hangzhou, wo wir heute (Samstag vormittag) hinfahren, um eine Cocktailveranstaltung durchzufuehren. Der eine Liquormart Filialbesitzer (das ist die Filiale, wo wir auch mit Gunnar & Nora waren) hat vor zwei Wochen angefangen, von uns gedruckte Einladungskaertchen an “gute Kunden” (die fuer mindestens 10 Euro eingekauft haben) zu verteilen. Urspruenglich wollten wir zwei feste Veranstaltungen machen, aber dies wurde wohl aufgrund von Verwirrung des Verkaufspersonals in eine Veranstaltung, wo die Kunden zu beliebiger Zeit zwischen 18:00 und 21:00 Uhr eintrudeln koenenn, umgeaendert. Merke: Chinesen lesen geschriebene Anleitungen nicht, und wenn der Chef nicht da ist, denkt sich das Personal eher spontan etwas aus, als anzurufen und zu fragen.
Heute morgen hatte ich zwei Stunden Deutsch bei dem Manager, in der Zeit hat Quanbo Argos bei ihrer Mutter abgegeben (sie hat den Hund richtig ins Herz geschlossen und will ihn uns eigentlich nie zurueckgeben) und hat bei der Druckerei Poster, Tischtuch und Lostickets, die wir gestern abend noch produziert haben, abgeholt. Wir sind jetzt mit kompletter Cocktailausruestung (Glaesern, Likoeren, Fruchtsaeften, Shaker, Eiscrasher etc.) unterwegs, und kommen gegen ein Uhr in HZ an. Vor Ort muessen wir noch Eiswuerfel organisieren, und im zentralen Lager einige Kleinigkeiten richten (letztens ist beim Transport eine Flasche in einer Kiste Brombeerlikoer zerborsten, und hat auch die uebrigen fuenf Flaschen unverkaeuflich gemacht. Ersatz wurde geschickt, aber die befleckten Flaschen muessen wir noch abholen. Ausserdem wollen wir wissen, was mit den letztes WE geschickten Flaschen, die nicht in der neuen Filiale angekommen sind, passiert (ist).
Naechstes WE nehmen wir am Sonntag an einem kleinen aber feinen Markt (vor allem) fuer Auslaender, dem “Farmer’s Market” teil. Dort verkaufen verschiedene Feinkostlaeden ihre Waren, und wir sind zum ersten Mal mit dabei. Waehrend der Kundenkreis bei Liquormart vor allem chinesisch ist (und haben wir da vielleicht von Exzentrizitaeten zu erzaehlen!!) sind die Kunden des Farmer’s Market vor allem Expats. Auch dafuer gab es jede Menge zu organisieren – ihr koennt Euch sicher vorstellen, dass Quanbo oft tagelang stundenlang am Telephon haengt, um Sachen in die Wege zu leiten oder kleine und grosse Katastrophen zu bewaeltigen.
Letzte Woche war ich uebrigens Mo-Do an der Uni, denn es gab eine wichtige Evaluation der Institute von der Zentralen SJTU (Shanghai Jiao Tong Uni). Am Montag sass ich eine Stunde lang in einer auf chinesisch gehaltenen Sitzung und probierte, nicht zu auffaellig zu gaehnen, am Dienstag gab es ein Treffen mit den Gutachtern, die speziell auslaendische Lehrer sprechen wollten (ausser mir dabei: ein Ingenieur-Prof. aus New Mexico, einige andere Amis des JI, ein brasilianischer Post-Doc am EE (electrical engineering) Institut, ein (sehr netter) junger Koreaner am “Antai College of Economics and Management”, ein Norwegischer Prof der Politikwissenschaften (hier ein heisses Eisen!)), am Mittwoch dann (unabhaengig von den SJTU Gutachtern) der Associate Provost der University of Michigan, der die Mathelehrer des JI treffen (und beurteilen) wollte. Diesen ganzen buerokratischen Unfug habe ich gut ueberstanden, wirklich wichtig war vor allem der Ass. Provost. Trotzdem war ich ein wenig erleichtert, dass die SJTU Evaluatoren am Montag nicht in meinen Vorlesungen, sondern in denen eines chinesischen Kollegen sassen.
So, jetzt sind wir in Hangzhou angekommen und ich muss erstmal beenden.
Hier noch ein paar nachtraegliche Eindruecke vom Ostbahnhof in Hangzhou:

Die Polizisten hier fahren oft mit Golfcarts durch die Gegend:

Im Liquourmart hatten wir uns dann so aufgebaut:

Noch eine witzige Sache: in der Filiale wurde auch ein „formaldehydfreies“ Bier verkauft:

Ich finde, das wirft ganz unangenehme Fragen auf: was ist mit anderen Biersorten? Oder gab es von dieser Marke mal Formaldehydverseuchtes Bier? Entstehen eigentlich geringe Mengen davon bei der natuerlichen Gaerung, oder wie kommt Formaldehyd sonst in das Bier? Vielleicht koennen ja biologisch/chemisch gebildete Leser dieses Blogs was dazu sagen…