Unser erster Termin war um 10.00 Uhr, wir hatten bis ca. halb neun ausgeschlafen und im Hotel reichlich gefruehstueckt. Der Alkohol-Laden war einer der groessten von denen, die wir am Vortag gesehen hatten, und sah sehr vielversprechend aus: zahlreiche Reisschnaepse, teure Weine, billige Weine, Cognacs, Whiskies etc. Trotz ziemlicher Hitze (etwas weniger als in Shanghai, aber trotzdem beachtlich) hatte ich mich in meinen Anzug gequaelt, und Quanbo hatte sich ein gutes Kleid angezogen. Gestern war der Chef nicht da gewesen, aber seine Angestellten hatten ihn angerufen und er sollte heute kommen.
Kurz nach uns traf er auch ein, zusammen mit einem etwas aelter aussehenden Chinesen, den er extra unseretwegen mitgebracht hatte. Es gab keinen Strom, wofuer er sich entschuldigte, also auch keine Klimaanlage. Gestern gab es zwar Strom, dafuer aber kein Wasser. Man kann halt nicht alles haben!
Waehrend Quanbo erzaehlte und uebersetzte, goss ich beiden verschiedene unserer franzoesischen Likoere ein. So etwas kannte man hier ueberhaupt nicht; als wir gestern da waren, dachten die Angestellten, wir wuerden Obstwein verkaufen.
Ich fing an mit Creme de Fruits de Bois, Creme de Peche, folgte mit Liqueur de Rose, Liqueur de Violette (alle ca. 22-25% Alc. Vol.), um dann mit haerteren Sachen Triple Sec, Liqueur de Mandarine und Royal Combier (38-40%) abzuschliessen. Zwischendurch uebersetzte Quanbo meine Erlaeuterungen und erzaehlte selber ein wenig von Combier in Frankreich. Die beiden Chinesen waren begeistert! Der aeltere, der vom Ladenbesitzer hinzugezogen worden war, stiess irgendwann einen wuesten chinesischen Fluch hervor, gefolgt von “Das schmeckt ja immer besser!” Da wussten wir, dass wir sie “am Haken” hatten. Ziemlich schnell brachen der aeltere dann das Gespraech ab und meinte, es sei ja zu unhoeflich von ihnen, uns in der Hitze in ihrem Klimaanlagelosen Geschaeft sitzen zu lassen. Er fragte, wo wir wohnten, und unsere Hotelwahl sties wohl auf seine Zustimmung, denn er lud uns spontan zum Essen in selbigem Hotelrestaurant ein. Er meinte, am Abend koenne man dann viel angenehmer ueber Geschaefte reden.
Wir verliessen das Geschaeft mit gemischten Gefuehlen: die beiden sahen nicht besonders vertrauenserweckend aus, und wir wussten von Betruegern, die probieren, etwaige Geschaeftspartner beim Essen zu ueberrumpeln und von ihnen spontane Bestechungsgelder zu fordern. Nach allem, was wir von Guilin wussten, wollten wir auf der Hut sein. Die beiden hatten nicht einmal gefragt, wie teuer wir eigentlich diese Likoere verkaufen!
Als naechstes gingen wir in ein Alkoholgeschaeft, dessen Besitzer sehr jung war. Ihm schmeckte die Crème de Peche nur so leidlich, der Royal Combier gar nicht. Mehr probierte er auch nicht, er hatte kein Interesse, empfahl uns aber einen anderen Laden, der 85% aller Bars beliefert, sowie einen klassischen Weinladen. Bei dem ersten Laden war der Besitzer nicht da, wir wollten dann spaeter probieren, ihn zu erwischen.
Der zweite Laden war ein richtiges kleines Weingeschaeft, wie es in Europa auch nicht fehl am Platze gewesen waere. Sehr zivilisiert, ausschliesslich Weine (ein Armagnac war darunter) alles holzverkleidet, Korkenzieher und Glaeser (von Schott – ich dachte, die machen nur Laborglas?) im Angebot. Der Besitzer war ebenfalls nicht da, kam aber nach 10-15 Minuten extra noch mal, um uns zu treffen. Er probierte ebenfalls alles aus, und fragte gleich nach Preisen und gab Meinungen von sich, was sich dennn gut verkaufen lassen wuerde. Er wollte sich in den naechsten Tagen noch einmal bei uns melden, um zu sagen, was er genau gerne haette.
Dann war es schon 12 Uhr und wir fuhren ins Hotel zurueck – die Hitze machte in den formalen Klamotten schon ganz schoen zu schaffen, und der naechste Termin (gestern vereinbart) war erst um 4 Uhr. Wir brauchten auch noch einen langen Mittagsschlaf, um Schlaf nachzuholen. Mit dem Termin um vier wurde es erst gegen fuenf Uhr etwas, denn die Ladenbesitzerin hatte auch noch zwei weitere Leute hinzugezogen, und die konnten erst spaeter. Gluecklicherweise hatten wir vorher noch einmal angerufen und konnten im Hotelzimmer warten. Wir gingen dann auch in ein Nebengeschaeft, wo wir an einem der hier wohl typischen Teetische mit Tee bedient wurden, und den drei Leuten unsere Likoere anpriesen und zum Verkosten gaben. Auch hier schwang die Reaktion von Ueberraschung zu Enthusiasmus um, und sie liessen gleich noch einen ihrer Stammkunden probieren. Der war ebenfalls begeistert, und sie meinten, sie wollten gleich 20 Kartons (1 je Sorte) bestellen. Sie haben fuenf Geschaefte in Guilin und damit gute Vertriebmoeglichkeiten, wollten aber auch einen Exklusivvertrag bekommen.
Das Gespraech mussten wir dann gegen sechs beenden, denn dann riefen die beiden morgendlichen Gestalten (der juengere heisst Liu, der aeltere Wang oder Huang – bleiben wir mal bei Wang) an, sie seien schon im Hotel, obwohl wir erst fuer halb sieben verabredet waren. Wir taten, was wir konnten, waren aber auch erst um halb dann im Hotelrestaurant.
Dort stellten wir sogleich fest, dass die beiden ein Einzelrestauranzimmer gebucht hatten, d.h. einen grossen Runden Tisch in einem Extraraum. So etwas ist normalerweise auch immer extra teuer. Die beiden schienen nett, aber etwas nervoes, und insbesondere der aeltere, Wang, sah wie ein Verbrecher aus. Ich hatte vorher schon zu Quanbo gesagt, dass ich lieber mit denen vom Nachmittag, die serioes erschienen, Geschaefte machen wolle als mit Liu und Wang. Wang meinte, er haette sich nicht so schick anziehen koennen, denn er musste auf dem Land noch etwas erledigen. Quanbo machte etwas Konversation, aber die beiden schienen auch etwas gehemmt zu sein (nanu?) und das ganze kam nur langhsam ins Laufen. Das Essen wurde serviert, und wir sahen, dass die beiden sich nicht hatten lumpen lassen; es gab gute Gerichte, aber auch nicht zu viele oder zu grosse Portionen. Wang meinte ganz unvermittelt, wir muessten keine Angst haben, dass sie uns auf der Rechnung sitzen lassen wuerden und abhauen wuerden, sie seien ja schliesslich nicht bei den Triaden. Sehr beruhigend, dachten wir uns! Spaeter kam dann noch einmal die unaufgeforderte Mitteilung, dass sie nicht bei den Triaden seien. Zwischendurch erzaehlte uns Wang von seinen frueheren Geschaeften, wie er frueher an der chinesisch-vietnamesischen Grenze ueber einen nur 20 m breiten Grenzfluss bedrohte Tierarten geschmuggelt habe, er erzaehlte, dass er viele einflussreiche Persoenlichkeiten in der ganzen Guangxi Provinz kenne, und dass er viel Reis und Geld an die buddhistischen Tempel spende. Dann meinte er, er sei ja nicht bei den Triaden, das sei er frueher gewesen, aber jetzt halt nicht mehr. Ihr koennt Euch sicher vorstellen, wie sehr uns diese Zusicherung beruhigt hat!
Das Essen war nett und unspektakulaer (Garnelen, zartes Rindfleich am Knochen, etc.) bis auf eine Suppe, wo die beiden gleich meinten, wir sollten sie probieren. Sie kam in einer goldenen Schuessel mit Deckel, was sofort meinen Verdacht erregt hatte und war irgendwie schleimig. Ich ueberlegte noch, ob es Vogelnest- oder Haifischflossensuppe gewesen sein mag, als Quanbo waehrend des Gespraechs dann blasser wurde und mir folgendes uebersetzte: “Diese Suppe,… weisst Du, so ein Tier, aehnlich wie ein Frosch, aber weiter noerdlich in kaelteren Gegenden lebend, davon etwas aus der Gebaermutter – das war die Suppe!” Wir waren beide der Meinung, dass das deutlich mehr Informationen waren, als wir eigentlich wissen wollten, und verzichteten darauf, eventuellen biologischen Ungereimtheiten (Gebaermutter bei einem Frosch? WTF?) weiter auf den Grund zu gehen.
Gegen Ende des Essens teilte die Kellnerin uebrigens Wang mit, dass ein anderer Gast, der zufaellig auch in dem Restaurant war, seine Rechnung uebernommen haette. Ach ja, und bei dem Essen erreichte Wang noch ein Anruf von jemandem, der unbedingt wollte, dass er in sein Geschaeft mit einsteige, aber Wang lehnte ab, denn es war zu weit auserhalb der Provinz und Wang haette keine Zeit, sich richtig dem Geschaeft zu widmen. Liu meinte zwar gleich, Wang solle doch einfach mitmachen und das viele Geld einstecken, aber Wang meinte, das sei “unmoralisch”. Ueberhaupt hatte Wang einen ziemlichen Fimmel mit buddhistischen Weisheiten und Gefasel von “Schicksal, das uns zusammengefuehrt hat” und wir wurden aus der ganzen Sache nicht so recht schlau.
Ueber unser Geschaeft hatten wir waehrend des Essens fast gar nicht geredet. Es war so eine diplomatische Geschichte, und es schien, als legten die Chinesen mehr Wert darauf, uns kennezulernen und ein wenig abzutasten. Sie meinten, sie wuerden uns am Freitag dann anrufen.
Als Quanbo und ich zu Bett gingen (wir hatten es ja nicht weit), diskutierten wir darueber, ob es weise sei, Geschaefte mit der Mafia zu machen. Meine Meinung war, dass es garantiert nicht weise ist, Geschaefte ohne/gegen die Mafia zu machen. Wir fuehlten uns ein wenig wie in einer Sopranos-Folge. Unsere (naive?) Vostellung ist: “Solange man Ihnen kein Geld schuldet und sie einen guten Gewinn einstreichen, kann man mit ihnen wunderbar Geschaefte machen.”