Quanbo und ich sitzen gerade im Flugzeug von Guilin nach Shanghai. Es ist Sonntag, und einige sehr ereignisreiche Tage sind vorbei. Es gibt so viel zu erzahlen, ich werde sicherlich nicht heute fertig werden, will aber zumindest anfangen, bevor die Erinnerungen verschwimmen und ineinander fliessen.
Wir sind um drei Uhr frueh (weniger als 3 Stunden Schlaf) aufgestanden, um die restlichen Sachen zu packen. Um halb sieben sollten wir am Flughafen sein, und der Weg dorthin mit Bus, U-Bahn und Taxi ist weit. Natuerlich haben wir es nicht wie geplant geschafft, um fuenf die Wohnung zu verlassen, sondern erst eine halbe Stunde spaeter. Da haben wir einfach direkt ein Taxi genommen, nateurlich etwas teurer als mit Oeffis, aber immerhin nur 8,50 Euro und soviel bequemer.
Der Inlandsflug ging ab dem alten Hongqiao Flughafen, der mich vom Aufbau und Stil unwillkuerlich an Berlin-Schoenefeld erinnerte. Es war schon einiges los, aber wir konnten ohne grosse Probleme einchecken und die Sicherheitskontrollen passieren. Kurioses Verbotsschild: “Keine Getraenke, Scheren oder Krebse (?!) im Handgepaeck mitfuehren.”
Der Flug mit Shanghai Airlines war ereignislos, aber vom Stress der letzten Tage und dem mangelnden Schlaf waren wir ziemlich fertig. Leider kann man auch in in China in der Holzklasse nicht richtig schlafen.
Gegen 11 landeten wir in Guilin. Der Mitarbeiter der betruegrischen Firma hatte Hotelzimmer fuer uns reserviert und wollte sich dort mit uns treffen. Wir nahmen ein Taxi, erfuhren von der Fahrerin aber bald, dass der Mitarbeiter uns wohl ebenfalls zumindest mit dem genannten Preis fuer ein drei-Sterne Hotel ueber den Tisch ziehen wollte. Wir folgten stattdessen ihrem Ratschlag und liessen uns in ein schoenes Vier-Sterne Hotel fahren. Nach kurzem Handeln ergatterten wir ein Doppelzimmer fuer 50 Euro/Nacht (etwa die Haelfte des nominellen Preises, oder wie die Chinesen sagen: “fuenf Mal gefaltet”) mit Terassentuer zum Innenhof mit Schwimmbecken. Wir beschlossen, keinen Kontakt mehr zu dem Mitarbeiter der betruegerischen Firma aufzunehmen. Was da gespielt wurde, wollten wir nicht mehr wissen. Inzwischen hatte man uns naemlich auch gewarnt, dass es in Guilin von Betruegern, die man als Zufallsbekanntschaften kennelernt, nur so wimmelt.
Schon vom Flugzeug aus staunten wir, wie gruen die Landschaft um Guilin ist. Einerseits ist die Landschaft von vielen kleinen Bergen beherrscht, andererseits sind sie fast ausnahmslos voellig von Baeumen bewachsen. Das Wetter ist warm, aber weniger schwuel und angenehmer als in Shanghai. Nachdem wir unser Hotelzimmer hatten, waren wir erschoepft und hungrig, und baten unsere Taxifaherrein, uns zu einem Restaurant zu fahren. Sie schlug etwas “laendliches” vor, und wir akzeptierten sofort.
Im Restaurant waren nur Chinesen, wohl groesstenteils Touristen. Aber die Karte hatte englische Untertitel, und wir fingen an, mit grossem Interesse zu lesen, was denn die regionale Kueche so hergibt. Die “Gedaempfte Bambus Ratte” wollten wir jedenfalls nicht, ebensowenig wie die Schlangen: Cobra oder Pit Viper fuer ca. 20 Euro/Pfund – stehen die eigentlich unter Naturschutz? Auch Molch/Lurch (was war engl. “Loach” noch mal?) schien irgendwie suspekt, und die Seite mit den ganzen Innereien habe ich nur uebersprungen und gar nicht die konkreten Angebote gelesen. Wir entschieden uns fuer Schweinerippchen, Wildschwein und Fasan, in der Hoffnung, das wuerde gut und unproblematisch werden.
Leider nicht ganz! Gleich nachdem wir bestellten, bat man uns, aufzustehen und mitzukommen. Wir wurden in einen Nebenraum gefuehrt und man bat uns, doch bitte den gewuenschten Fasan auszusuchen. Neben Holzgitterkaesten mit Huehnern und Gefluegel gab es Kaninchen, Schlangen und Lurche/Molche und andere Tiere zur Auswahl. Nachdem wir uns mit unserem Essen bekannt gemacht haben, warteten wir auf selbiges. Das Wildschweingericht bestellten wir wieder ab, denn so ein ganzer Fasan ist schon reichlich!
Nach dem Mittagessen sollten wir dann etwas besichtigen, meinte die Taxifahrerein. Sie hatte uns ueberredet, sie fuer 50 Yuan (5 Euro) den Rest des Tages lang unsere Fahrerin sein zu lassen. Da die Fahrt vom Flughafen schon 85 Yuan gekostet hatte, fragten wir, wie sich das fuer sie rechnen wuerde. Antwort: bei jeder Touri-Attraktion bekommt sie je Fahrgast, den sie dorthin (aus-)liefert, 10 Yuan und 1 liter Benzin Provision. Warum auch nicht!
Innerhalb von Guilin, nicht weit von unserem Hotel, gibt es eine “Verbotene Stadt”, in der vor 500-800 Jahren die Provinzregierung und -verwaltung untergebracht war. Inmitten dieses parkaehnlichen Bereichs steht auch einer der zahlreichen Berge, die sich in dieser Gegend gebildet hatten, als noch alles Meer war. Dieser Berg war nur dem Kaiser/Koenig (die Gegend hier war nicht immer fest an Peking gebunden) vorbehalten, und auch ein beruehmter Reisender durfte trotz mehrmaligen Bittens ihn nicht erklimmen. Heute kostet es (immerhin) zehn Euro Eintritt, und die ungewaschenen Massen duerfen den Berg nach Belieben besteigen. Wir ebenfalls, und ich fand, es war schon ein bitter-suesses Gefuehl.
Hier ist ein Bild vom Park mit einem der Baeume, nach denen Guilin (Gui-Wald) benannt ist:
Im Park ragt der Berg hervor, und auf einer Steintafel an seinem Fuss ist davon die Rede, die Landschaft von Guilin sei die „Nr. 1 unter dem Himmel“, ein ganz beruehmter Ausspruch in China.
Unter dem Berg gab es eine Grotte, die zu einer wassergefuellten Hoehle hinabfuehrt, und einen Hoehlenbereich der 500 Jahre alte Steinritzereien von 60 „heiligen Kriegern“ enthaelt. Diese Kriegerbilder soll man je nach Geburtsjahr anbeten.
Dann sind wir auf den Berg geklettert:
Die Aussicht von oben war natuerlich wunderschoen, Guilin direkt vor den Bergen:
Auf dem vorletzten Photo sieht man den Li-Fluss, der durch Guilin fliesst.
Nachdem wir den Park besichtigt hatten (es war gegen 15.00 Uhr), waren wir schon ziemlich muede, wollten also zu einer Sehenswuerdigkeit, die wenig Aktivitaet verlangt. Wir haben uns auf einem Bambusfloss mit Stuehlen und Dach einen Teil des Li-Flusses hinaufstaken lassen. War sehr entspannend, und dauerte eine Stunde.
Unterwegs wurde noch an einer kleinen Insel gehalten, wo man Grillfisch verkaufte – essen auf Bambusstuehlen mit den Fuessen im Wasser. Eigentlich sehr reizvoll, aber wir waren noch satt vom Mittagessen.
Vom Fluss aus sah die Landschaft noch reizvoller aus als vom Berg:
Einige der Berge in der Landschaft haben Namen – der in der Mitte des letzten Bildes heisst „Alter Mann“, und man konnte mit etwas Phantasie tatsaechlich einen solchen erkennen.
Danach wollten wir uns Geschaeften widmen. In einer neuen Stadt muss man klein anfangen, und wir baten die Taxifahrerin, uns zu allen vorhandenen Schnaps- und Weinlaeden zu fahren. Nebenbei wollten wir auch in einem Kaufhaus Badezeugs kaufen, da unseres in Shanghai noch in den Umzugskartons vergraben war. Um es kurz zu machen: wir haben ueber ein halbes dutzend Laeden besucht, um Termine fuer Donnerstag zu vereinbaren, und erfolgsmaessig das komplette Spektrum gehabt: von kompletten Desinteresse zu engagierte Eifrigkeit. Nebenbei haben wir in einem Kaufhaus noch Bikini und Badehose aufgetrieben. Zwischendurch rief noch Quanbo’s Chef an, erzaehlte von seinen Geschaeften in Frankreich und erkundigte sich nach dem Status in Guilin – das ganze dauerte 45 Minuten.
Gegen sechs waren wir wieder im Hotel, und legten uns erst einmal in die Sonne. Am Abend waren wir noch in einem Restaurant Fisch (sehr gut!) und eine lokale Schweinefleichs-Taro Spezialitaet (viel zu fettig!) essen, um dann gegen 23.00 Uhr ins Bett zu sinken.


