Liebe Freunde,
wir haben in den letzten Wochen so viel zu tun und erlebt, dass wir gar keine Zeit hatten, im Blog einzutragen. Nun hoffen wir, dass wir heute mit dem Eintrag fertig werden koennen. Die gute Nachricht will ich gleich am Anfang verraten: Seit zwei Wochen habe ich einen Job! Wie ich zu dem Job gekommen bin, erzaehle ich euch ganz in Ruhe und spule bis zum 25. April zurueck.
An jenem Tag hatte ich meinen ersten Uebersetzungsauftrag. Im letzten Jahr hatte ich mich bei einigen Uebersetzungsfirmen beworben, eine davon namens „FBC Translation“ hatte wohl meine Kontaktdaten gespeichert. Ich wurde zwei Tage zuvor angerufen, ob ich auf einer Pressekonferenz was uebersetzen koennte. Natuerlich hatte ich sofort zugesagt, immerhin war es eine gute Gelegenheit, mich zu ueben
Es ging um eine hessische Firma namens Rittal, die in Shanghai eine Filiale hatte und ca. 400 Mitarbeiter beschaeftigte. Der hessische Umweltminister Wilhelm Dietzel wollte einen Besuch abstatten, daher die Pressekonferenz. Am Tag zuvor hatte ich sogar die Rede von Herrn Dietzel bekommen, mit der ich gar nicht gerechnet hatte, also konnte gar nichts schief gehen! Ich war dennoch ein wenig nervoes, immerhin war es mein erster Auftrag als Dolmetscherin und gleich auf einer Pressekonferenz, d.h. jede Menge Reporter und Cameras!
Die deutsche Delegation war wegen einer Flugverspaetung etwa eine Stunde spaeter als geplannt angekommen, in der Zeit hatte ich mich ein wenig gelangweilt und hatte die Unterlagen ueber Rittal China durchgeblaettert. Waehrenddessen kam ein Chinese auf mich zu, ich erkannte ihn als Praesidenten des Rittal-Unternehmens, da sein Portraet gerade in den Unterlagen zu sehen war. Er war sehr freundlich und fragte mich, was ich machte etc. Nachdem ich ihnm erzaehlt hatte, dass ich 16 Jahre in Deutschland verbracht hatte, wechselte er die Sprache auf Deutsch und war sehr beeindruckt, dass mein Deutsch akzentfrei war. Er gab zu verstehen, dass er eine Assistentin brauche und dass ich gut fuer die Stelle geeignet sei und dass ich spaeter gute Aufstiegsmoeglichkeiten als Abteilungsleiterin habe. Ich war ein wenig ueberrascht von seinem Angebot, da er mich kaum kannte, aber warum eigentlich nicht?
Die Pressekonfenrenz hatte nach einem kleinen Empfang begonnen und hatte etwa eine Stunde gedauert. Ich hatte insgesamt 4-5 Reden zu uebersetzen. Herr Dietzel hatte leider kein einziges Wort von der Version, die ich zuvor erhalten hatte, verwendet, aber ein Grossteil davon ist
bzw.
nachzulesen
Das ganze verlief ganz gut, bis der Bezirksleiter von Songjiang, einem Vorort von Shanghai, wo Rittal steht, anfing, tausend Zahlen wie z.B. die Anzahl der Einwohner und die Flaeche von Songjiang, die Investionssumme der auslaendischen Unternehmen pro Jahr etc. zu rezitierten und keine Ruecksicht auf mich nahm, also keine Pause einlegen wollte. Ich durfte keine Notizen machen, musste also die ganzen Zahlen im Kopf behalten und das ganze Zeug uebersetzen. Ich hatte ihn gehasst, dass er so viel Statistik loswerden wollte. Fuer diese eine Stunde Dolmetschen hatte ich 800 Yuan (ca. 80 Euro) verdient, was gar nicht so schlecht war. Ein paar Tage spaeter hatte ich erfahren, dass der Chef ganz zufrieden mit mir war. Gott sei Dank!
Ich hatte noch am selben Abend meinen Lebenslauf an den Praesidenten von Rittal China geschickt, da er ihn unbedingt haben wollte. Nachdem die eine Woche Maiferien vorbei war und ich immer noch keine Bestaetigung bzw. Antwort von ihm erhalten hatte, hatte ich ihn angerufen, ob die mail vielleicht verloren gegangen sei. Er behauptete, er habe gerade seinen HR-Manager gewechselt und werde meinen CV sofort an die neue Managerin weiterleiten. Mal abwarten.
Anfang Mai hatte sich die FBC Translation wieder bei mir gemeldet, ob ich Lust haette, von 10. bis 12. Mai auf einer Essens- und Verpackungsmesse (SIAL China 2007) zu uebersetzen und pro Tag 600 Yuan zu verdienen. Als ich mehr Geld verlangte, meinte die Dame von FBC Translation, dass das Entgelt fuer eine Messe fest sei und sie nichts machen koenne. Verglichen mit dem letzten Auftrag war es nicht viel, Horst wollte eigentlich gar nicht, dass ich es fuer so wenig Geld mitmache, aber ich dachte, es koennte sich vielleicht lohnen, ein paar Kontakte zu knuepfen, also hatte ich zugesagt.
Am ersten Tag der Messe musste ch schon um 8 Uhr da sein, um weitere etails zu besprechen. So hatte ich andere 20 Dolmetscher kennengelernt, die zum grossen Teil fuer Englisch zustaendig waren. Ich war so naiv und fragte ein Maedchen, das an der beruehmten Fudan-Uni Anglestik studierte nd als Nebenjob solche Ubersetungsjobs annahm, ob se auch wie ich 600 Yuan pro Tag bekomme wuerde, sie meinte, sie wuerde nur 200 Yuan bekommen. Mist, haette ich bloss nicht von den 600 Yuan erwaehnt! Wir mussten uns sogar umziehen, die Damen eine weisse Bluse mit FBC Translation Logo und einem schwarzen Rock und die Herren ein weisses Hemd ebenfalls mit Logo plus Krawatte.
Ich war zustaendig fuer einen grossen Stand, der von insgesamt 6 deutschen Unternehmen gemietet wurde. Dort waren 8 Deutsche aus Thueringen, die ihre Produkte wie Sekte, Wuerste, Apfellikeure, Schokoladen und Koestritzer praesentierten. Ich hatte eine Chinesin kennegelernt, sie sollte ebenfalls fuer diesen Stand zustaendig sein, konnte aber nicht so gut Deutsch. Also wurde sie dazu verdammt, Kaffee zu kochen, Tische abzuwischen, auf die Sachen am Stand aufzupassen, dass die frechen chinesischen Besucher sie nicht einfach klauen und einstecken. Sie war wohl 3 Jahre in Frankfurt an der Oder, unterrichtete jetzt Deutsch fuer 70 Yuan die Stunde. Auf der Messe hatte ich viel zu tun, musste dauernd uebersetzen, Proben ausschenken etc., aber ich hatte sehr viel Spass. Es war nicht so ernst und steif wie auf der Pressekonferenz, vor allem musste ich mir keine Sorgen machen, dass mir aus Nervositaet keine passenden Worte einfallen wuerden. Gegen 16 Uhr hatte ich sogar Horst mit Hilfe eines Mitarbeiterausweisses reingeschmuggelt
Um 17 Uhr war der erste Tag wohl zu Ende. Die HR-Managerin von Rittal hatte sich per email gemeldet und wollte mich am 13. Mai zu einem Bewerbungsgespraech einladen.
Der zweite Tag der Messe verlief auch sehr gut. Es gab viele Interessenten und Gespraeche. Ich hatte sogar eine Agentur aufgetrieben, die eine chinesische Zeitschrift ueber Essen und Weine herausbrachte und ebenfalls einen Stand auf der Messe hatte, denn das Unternehmen Gotano wollte nach China expandieren, ein Artikel in einer renomierten Zeitschrift im richtigen Moment waere schon keine schlechte Idee. Kim, der Geschaeftsfuehrer von Gotano, war sehr beeindruckt und fragte mich, was ich momentan in Shanghai so mache. Ich erzaehlte ihm, dass ich erst set Februar in Shanghai sei und dass ich wegen der Renovierung der neuen Wohnung gar keine Zeit haette, mich um einen richtigen Job zu kuemmern und dass ich aber beim letzten Uberetzungsauftrag ein Jobangebot bekommen haette. Er sagte mir, dass er gesehen habe, wie ich arbeite und verhandle, das habe ihm sehr gut gefallen, und dass er sich ernsthaft Gedanken darueber mache, eine Firma in Shaghai zu gruenden, ob ich Lust haette, diese zu leiten. Ich konnte meine Ohren kaum trauen, aber er meinte es ernst! Er fragte nach meiner Gehaltsvorstellung, ich antwortete, ich haette gerne 1500 Euro zu Anfang. Er war damit einverstanden.
Am dritten Tag der Messe hatte Kim mich zu einem Cappuccino eingeladen und ein konkretes Angebot gemacht: 1500 Euro plus 10% Gewinnbeteiligung; Falls ich meine Anteile in das Unternehmen investieren wuerde, wuerde ich sogar 15% bekommen. Er hatte mir sogar 400 Euro fuer Telephonate, Fahrkosten etc. da gelassen, auch als Zeichen dafuer, dass er es ernst meinte. Ich fand es toll, dass ich so schnell an so einem tollen Job gekommen war. Nach der Messe hatte ich drei deutsche Geschaeftsleute in den Yu-Garten Richtung Altstadt begleitet, um beim Verhandeln ein wenig zu helfen, so dass sie beim Kaufen der Souvenirs nicht ueber den Tisch gezogen wurden. Sie hatten sich mt enem Abendessen und sechs Dosen Tee, die beim Aufgiessen wie Blumen aufgehen, bedankt. Es war sehr sehr nett. Gut, dass ich trotz des niedrigen Entgeltes hingegangen war, sonst haette ich von dem Job nie erfahren!
Horst und meine Eltern hatten sich sehr gefreut, dass ich diesen Job bekommen hatte. Obwohl ich zu Anfang alleine fuer die Firma zustaendich sein sollte, war mein offizieller Titel immerhin „Geschaeftsfuehrer“
Es ging gleich los mit WFOE (Wholly Foreign-Owned Enterprise) registrieren, Buero mieten etc. Es war sehr aufwendig, eine WFOE zu gruenden, man muesste zu tausend Aemtern laufen und Berge von Formularen ausfuellen. Ich hatte mich erkundigt, ich musste eine legalisierte Firma beauftragen, die WFOE zu registrieren. Also machte ich mich im Internet auf die Suche nach einer geeigneten Firma. Es gab sie wie Sand am Meer. Ich hatte bei verschiedenen Firmen angerufen und zwei Stueck davon ausgesucht. Eine verlangte 29000 Yuan, die WFOE sollte in der Freihandelszone „Wai Gao Qiao“ unter der Adresse eines Lagerraumes von 30 Quadratmetern (Miete 30000 Yuan im Jahr) registriert werden. Eine andere verlangte 27000 Yuan ohne Quittung (30000 mit Quittung). Die Dame verpsrach mir, dass ich Kim von 27000 Yuan erzaehlen sollte, ich aber von der Summe 2000 Yuan von ihr bekommen wuerde. Jaja, so wird in Shanghai Geschaefte gemacht!
Ich hatte in der Innenstadt direkt am Bund und 10 Minuten von der Fussgaengerzone in der Nanjing-Strasse entfernt ein Buero in einem alten Gebaeude, welches unter Denkmalschutz stand, durch Zufall gefunden. Das Buero war 28 Quadratmeter gross und die Miete betrug 3000 Yuan pro Monat. Das war sehr sehr guenstig fuer diese Gegend. Ich hatte sofort zugeschlagen und die Miete sogar auf 2800 Yuan runtergehandelt mit der Begruendung, dass ich es renovieren lassen wuerde. So hatte meine Renovierungsfirma einen Auftrag mehr und ich bald ein neues Buero, nach meinem eigenen Geschmack eingerichtet:-)
Soviel zu meinem neuen Job. Die Renovierungsarbeit in unserer eigenen Wohnung geht auch langsam voran. Die Mosaiken sind so gut wie alle an der Wand. Das schwierige Korallenbild, das von einem italienischen Design namens Bisazza kopiert wurde (kostete 800 Yuan pro Quadratmeter und 1,25 Yuan pro Goldstein, im Original 7000 Yuan!), wurde von einem Spezialisten angebracht. Es war besonders schwierig, da die Steine nur 1cm x 1cm gross waren. Der Typ war sehr geduldig, vor allem faehig. Es war sehr gut gelungen.
Auf unseren beiden Terassen im obigen Stockwerk hatten wir sehr huebsche Travertin-Steine bestellt. Sie wurden aus hunderten Quadratmetern ausgesucht, da sie besondere Strukturen und Farben in sich hatten. Die Maurer waren ueberhaupt nicht gluecklich, da es ihnen gesagt wurde (nicht von uns!), dass wir auch ein paar einfache Fliesen zu verlegen haetten.
Der Maler hatte bereits angefangen, die Waende zu malern und unsere Unmengen an Holzmoebeln zu streichen. Ich hoffe, dass er in vier Wochen endlich durch ist, dann kann endlich der Bambusfussboden verlegt werden!