Archiv für April 2007

Der Auslaendereffekt

April 28, 2007

Liebe Freunde,

sorry, dass wir uns wieder mal soooo lange nicht gemeldet haben! Es ist so anstrengend, jeden Tag stundenlang auf die Handwerker aufzupassen, denen gut zuzureden, mit ihrem Chef zu verhandeln, mit der Verwaltung rumzuschlagen, auf Lieferungen zu warten etc., so dass der Tag schon gelaufen ist, wenn ich zu meinen Eltern nach Hause komme und Horst von der Uni. Heute haben wir ein wenig Luft und berichten, was wir in den letzten zwei drei Wochen aus der Wohnung gemacht haben:

Der Kamin aus weissem Mamor ist so gut wie fertig und steht stolz in unserem Wohnzimmer. Der 5 Meter lange Schornstein aus Edelstahl versteckt sich unter einer dicken Isolierschicht, macht kurz unter unserer Wohnzimmerdecke einen schraegen Bogen nach aussen und guckt aus dem Loch im Terassendach, das wir in einer hecktischen Nachtaktion hatten bohren lassen, ohne dass die Verwaltung davon Wind bekommen hatte. Nun warten wir nur noch darauf, dass sich das Silikonzeug zwischen den Mamorplatten trocknet, dann kann die Isolierwand endlich gestrichen werden. Am naechsten Tag bekamen wir den erwarteten Besuch von der Verwaltung, die zwei Maenner guckten sich alles genau an, fragten mich, ob wir tatsaechlich Holz im Kamin verbrennen wollten und notierten in ihrem schlauen Buch, dass wir ein regulaeres Schlafzimmer in ein Badezimmer umgewandelt und die Aussenwand mit unserem Schornstein veraendert haetten. Ich wurde gebeten, ins Verwaltungsbuero mitzugehen und eine Verwarnung abzuholen. Es war sehr nervig, sich stundenlang anhoeren zu muessen, wie schlimm es sei, was wir aus unserer Wohnung gemacht haetten blablabla, aber schlussendlich sei es ihr Job, mich zu verwarnen, sonst koennten sie ihre Posten verlieren blablabla. Zusammengefasst: wir sollten weitermachen, was wir vorhatten, die Verwaltung hatte ihren Job getan, mir eine Verwarnung zu geben und eine Kopie an die Stadtverwaltung weiterzureichen. Wir hatten uns erkundigt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Stadtverwaltung so viel Zeit haette, um sich um soche Dinge zu kuemmern. Nun hoffen wir das beste, dass wir unser Badezimmer und unseren Kamin behalten koennten:-)

Vor etwa einer Woche war der Maurer mit seiner Frau angekommen. Sie arbeiteten im Team: die Frau mischte den Zement, der Mann mauerte. Die beiden hatten schon ein wenig Erfahrung mit Mosaik, hatten aber noch nie zuvor so viel Flaechen auf einmal verlegen muessen. Wir hatten teuren Mosaikkleber besorgt, der viel besser als Zement binden sollte. Am Anfang war der Maurer ein wenig skeptisch, nach einigen Quadratmetern fing er an, den Kleber zu lieben. Wir hatten die Idee, das Bedezimmer wie ein Meer aussehen zu lassen: Eine Wand mit einem schicken Korallenmotiv, die anderen drei Waende und der Boden ganz in einem Uebergang, unten gruen-dunkelblau, oben weiss-hellblau. So entstand erstmal die obere Haelfe des „Meeres“, der Rest folgt, sobald die 1,70 Meter lange Badewanne eingemauert ist!

Da wir uns keine Massagebadewanne geleistet hatten, wollten wir wenigstens eine Massagedusche haben. Sie sah todschick aus und war sogr teurer als die Badewanne! Nachdem wir das Geld vor vier Tagen bezahlt hatten, kam vorgestern die Lieferung, der Lieferant war in Hektik, sagte, dieses Produkt brauchte nicht nachgeprueft zu werden (was sich eigentlich gehoerte!) und ich solle bloss unterschreiben, dass ich die Ware erhalten haette, er muesse gleich los, da er noch viele Waren liefern muesse. Ich hatte Mitleid mit ihm, glaubte ihm sogar und unterschrieb blind. Kaum war er aus der Tuer, machte ich die Verpackung auf: drei Dellen auf der Duschstange! Ich rief den Typ an und bat ihn zurueckzukehren. Er hatte angeblich keine Zeit, versprach mir aber, die Dusche in zwei Tagen auszutauschen. Am naechsten Tag kam sein Anruf, dass er nicht so einfach eine neue Dusche vom Lager nehmen duerfe und ich die Servicestelle anrufen solle, falls es ein Qualitaetsfehler sei, koenne ich dann die Dusche austauschen. Nach einigen Anrufen hatte ich endlich erreicht, dass jemand von der Servicestelle tatsaechlich am selben Tag kam. Er hatte einige Photos gemacht und meinte, es sei kein Qualitaetsfehler und die Dellen seien vom aeusseren Druck entstanden, in anderen Worten, ich hatte Pech gehabt. Ich gab nicht zufrieden, rief beim Lieferant noch mal an. Er behauptete ploetzlich, er sei nicht mal in meiner Wohnung gewesen! Ich war entsetzt und liess nachpruefen, dass dieser Idiot tatsaechlich derjenige war mit der entsprechenden Handy-Nummer. Ich rief bei der Beschwerde-Nummer an und wurde leider nicht weitergeholfen, also rief ich zum Schluss im Lager an, um de dortigen Chef zu sprechen. Der sei angeblich verreist… Ich hatte die Nase so voll und rief noch mal im Laden an, in dem ich die teure Dusche gekauft hatte. Die einzige Loesung war, mit der kaputten Dusche zum Lager zu fahren. Horst war entsetzt, da wir den Samstag nicht damit ruinieren wollten, aber es musste sein. Das Lager war etwas ausserhalb, die Taxifahrt hatte uns ca. 10 Euro und eine Stunde gekostet. Wir stiegen aus, sofort hatte Horst die Aufmerksamkeit aller Arbeiter auf sich gezogen. Sie sahen die Dusche, bestaetigten die Dellen und holten dann eine brandneue Dusche aus, die Horst dann sorgfaeltig nachgeprueft hatte. Die stellvertretende Chefin meinte, in unserem Fall wuerde sie eine Ausnahme machen, da Horst Auslaender sei, sie habe sonst noch nie etwas direkt vom Lager aus ausgetauscht, es sei immer die Aufgabe der Servicestelle gewesen blablabla. Sie bat sogar an, uns nach Hause zu fahren. Super! Diese Aktion war zwar nerfig, hatte uns einen ganzen Samstagvormittag gekostet, aber wir hatten eine perfekte Dusche bekommen.

Was uns von Anfang an in der Wohnung gestoert hatte, waren einige Schiebefenster und eine Schiebetuer, die waren undicht und sahen haesslich aus. Schon seit Februar nerven wir die Verwaltung, dass sie repariert oder ausgetauscht werden sollten. Derjenige, der dafuer zustaedig war, war ein paar Male gekommen, aber die Fenster blieben genau so undicht wie vorher. Er behauptete, so seien chinesische Fenster halt, wir koennten vergessen, dass die Verwaltung sie austauschen liesse. Seitdem waren wir auf der Suche nach einem guten Fenstermacher und hatten sogar einen gefunden. Seine Fabrik sitzt in Harbin, der Stadt im Norden, wo es jedes Jahr eine Ausstellung mit wunderschoenen Eisskulpturen gibt. Da die Fenster mit deutscher Technik hergestellt werden, sind die Preise entsprechend teuer – 2100 Yuan pro Quadratmeter fuer Fenster und 2500 Yuan fuer Tueren. D.h. unsere drei Fenster und eine Tuer wuerden insgesamt 22,000 Yuan kosten! Gluecklicherweise hatte der Fenstermacher ein paar Musterstuecke uebrig, die er nicht mehr brauchte und an die Fabrik zurueckschicken wollte. Er bat uns die zum Sonderpreis an. Juhu! Das Problem war nur, dass wir die Wandoeffnung fuer die drei Fenster und eine Tuer den Musterstuecken entsprechend verkleinern muessten und wieder Aerger mit der Verwaltung verursachen wuerden. Aber die Musterfenster sahen super aus und dem Aerger auch wert. Also liessen wir die alten Fenster und Tuer rausreissen und die Loecher kleiner machen. Sofort hatten wir Besuch von der Verwaltung bekommen: So ginge es doch nicht blablabla. Ich hatte zwei Stunden lang mit den Leuten diskutiert und nichts erreicht. Am naechsten Tag war ich mit Horst hingegangen: Die Beamten sahen „den Auslaender in unserem Wohnblock“ und waren super freundlich und liessen sogar zu, dass wir unsere Fenster austauschen! Ich sage nur noch Eins: naechstes Mal, wenn ich wieder Aerger mit der Verwaltung bekomme, lasse ich Horst vom JI mit einem Hubschrauber kommen!

Calvin & Hobbes

April 14, 2007

Habe eigentlich nur 5 Minuten Zeit, aber ich wollte schon lange von der Calvin & Hobbes Suchmaschine erzehlen. Ich fand sie auf der Suche nach illustrationen fuer meine Uebungsblaetter. Falls ihr schon immer mal einen Comic von C&H gesucht habt, an den ihr Euch nur wage erinnertet, ist hier die ideale Loesung.

http://www.transmogrifier.org/ch/comics/search.cgi

Ein typischer Montag

April 12, 2007

Lange haben wir hier nichts mehr geschrieben. Urspruenglich wollte ich von allem Moeglichen Erzaehlen, was in den letzten Wochen passiert ist, aber das ist so ein berg an Erzaehlstoff, dass ich gar nicht hinterherkommen wuerde. Dann dachte ich, ich erzaehle, sozusagen als Stichprobe, mal vom Montag. Diesen Eintrag zu formulieren hat nun drei Tage gedauert, und ich komme endlich dazu ihn mitsamt Bildern hochzuladen. Viel Spass beim Lesen!

Horst

Diese Woche war so ein typischer Montag. Ich probiere mal ein wenig chronologisch zu berichten. Einige Photos von meinem Weg zur Arbeit habe
ich in der letzten Woche machen koennen, die habe ich an den passenden
Stellen hier eingefuegt.

5:00: Aufstehen, Duschen, Fruehstuecken. Quanbo’s Eltern machen (fast) immer warmes Fruehstueck, z.B. frischer Blaetterteig, gefuellte Teigtaschen oder Fleisch- & Reisgefuellte Bananenblaetter. das gibt Kraft fuer den Tag! Heute waren es eine Art hackfleischgefuellte fritierte Eiertaschen, etwa Toastbrotformat. Etwas, wabbelig, etwas fettig, aber ohne Zweifel Energiereich.

Quanbo bleibt noch im bett liegen, fruehstueckt spaeter.

quanbo.jpg

6:00: Laufe 2 Minuten zur Bushaltesstelle. Ist Gottseidank noch vor
der Rush-hour, dann ist der Bus immer drueckend voll. Jetzt sind nur ein
paar leute da, ich schaue ob ich den 85er oder (besser, weil leerer) den
799er erwische. 85 kommt, nicht allzu voll, trotzdem kein Sitzplatz :-(

wohngasse.jpg   strasse.jpg   haltestelle.jpg

bus_1.jpg   bus_2.jpg

6:25: Bus kommt an der Perle des Ostens an, dort in die U-Bahn (Linie 2) umsteigen. Diese faehrt unter dem Huangpu durch und bringt mich von Pudong nach Puxi. Nur zwei Stationen bis zum Volksplatz. Die U-Bahn ist ziemlich leer.

ubahnstation.jpg   lujiazui1.jpg   lujiazui2.jpg

6:40: Volksplatz. Umsteigen in die Linie 1. Die kommt gerade vom
Shanghaier Hbf und ist selbst frueh morgens ziemlich voll mit Reisenden
(sprich: Landarbeikter, die Saecke und Pakete mit sich herumschleppen).
Ich fahre bis zur Endstation.

ubahn.jpg   volksplatz.jpg   volksplatz2.jpg

7:15: Xinzhuang, Endstation Linie 1, Umsteigen in Linie 5, die in die Vororte faehrt. Hier bekomme ich endlich einen Sitzplatz, kann noch ein wenig am Mathe-Uebungsblatt fuer heute herumfeilen.

7:35: Ankunft in der Station „Dongchuang Strasse“. Von hier laufe ich zu Fuss zum Uni Gelaende.

Dies ist die Strasse zur Uni:

strasse_zur_uni.jpg

Hier einige Photos vom Uni-Gelaende. Dies ist der Haupteingang:

haupteingang.jpg

Vor fast jedem Gebaeude stehen solche Reihen an Fahrraedern:

fahrraeder.jpg   fahrraeder2.jpg

Autos werden in kleinen Gassen stark reglementiert

autoschilder.jpg

aber es gibt auch grosse Strassen

unistrasse.jpg   unistrasse2.jpg

Dies ist ein Studentenwohnheim:

wohnheim.jpg

In dem linken Gebaeude mit der weissen Aussenwand ist das JI (4. Stock)
und mein Buero:

buero.jpg

und in dem hinteren gestreiften Gebaeude mit den runden Aussentreppen ist der Vorlesungsaal, den ich benutze:

fgebaeude.jpg

8:05: Komme an meinem Buero an. Ist noch keiner da, ausser den Damen der
Reinigungsfirma, die hier jeden Tag alles wischen, die Papierkoerbe in den
Bueros entleeren etc. (N.B. in Potsdam passierte so etwas vielleicht 1 x
die Woche) Sie kennen mich schon und laecheln. Heute habe ich glatt meinen
Bueroschluessel vergessen, sie schliessen mir aber auf. Ich beantworte
noch eine Email eines Studenten und schaue nach den Vorlesungs-Slides fuer
nachher.

8:30: Eigentlich sollte etwa jetzt das woechentliche „Staff Meeting“ sein,
scheint sich aber noch nichts zu ruehren.

8:40: Lehrer Jia ist im Sekretaeriat, ich frage ihn, wo die anderen sind.
„Im Meeting“ sagt er. Ich laufe schnell in den 2. Stock. Prof. Zhang (mein
Chef), Dekan Xi und Renay sind schon da, und jemand den ich so schnell
nicht wieder erkenne. Letzte Woche waren’s mehr. Nanu?

8:43 Ich sitze gerade mal ein paar Sekunden, schons tuermen sehr abgehetzt
Zhao Feng und Emily hinein. Emily habe ich hier noch nicht erwaehnt. Sie
ist Amerikanerin, die im letzten Monat mit chinesischen Studenten an der
UM war, sonst hier als Sekretaerin/Organisatorin arbeitet. Zumindest bin
ich nicht der Letzte bei dem Treffen!

Es geht um den Videoclip, den Zhang schon letzten Montag erwaehnt hatte.
Offenbar soll ein (hoffentlich kurzes) Filmchen ueber das JI als
Werbe-/Rekrutierungswerkzeug gedreht werden. Wie immer, wird alles
konkrete in letzter Sekunde organisiert – der Film, von dem noch fast
nichts existiert, muss bis Ende der Woche fertig sein. Natuerlich will man
viele Szenen mit auslaendischen Lehrern haben. Momentan bin ich aber der
einzige, zusammen mit Prof. Wilde, dem pensionierten amerikanischen Doktorvater von Zhang, der eine „Teambuilding“ Veranstaltung haelt.

Morgen soll in meiner Physik Vorlesung gedreht werden. Ich hoffe, dass das
ganze schmerzlos vorueber geht.

9:30: Endlich ist das meeting vorbei. Um 10 habe ich Vorlesung, Calculus.
Ich lade schnell das Uebungsblatt in das Online-System (SAKAI), sod ass
die Studis es gleich nach der Vorlesung zur Verfuegung haben.

Das Blatt von letzter Woche soll heute abgegeben werden. Ich sammele im
Sekretaeriat noch zwei Kartons ein, denn 200 Hefte lassen sich lose so
schlecht transportieren.

9:50: Ich greife den Memory-Stick mit der Vorlesung, weisses Papier, einen
dicken schwarzen Marker und die zwei Kartons und gehe zum Vorlesungssaal.

im Vorlesungsraum sind schon 200 Studenten, die angefangen haben, ihre
Uebungsaufgaben bei einer TA loszuwerden, die etwas hilflos schaut. Sie
ist froh, die Kartons zu bekommen, und hoert sich die Vorlesung mit an.

Ich ezaehle ein wenig uebr Kurven im Raum, Envelopen und Evoluten. Das
Standard-Calculus Buch finden die Studenten und auch ich zu langweilig.
Im Vorlesungsaal verwende ich zwei Projektoren, der eine ist an einen im
Pult eingebauten Computer angeschlossen, und zeigt meine PDF-Slides, die
ich auf dem Stick mitgebracht habe. Der andere Projektor schliesst an eine
Kamera an, die ich vom JI mitbringe, und die auf den Tisch zeigt. Zhang
will nicht, dass ich an die schoenen Kreidetafeln schreibe. Er meint,
Kreide sei altmodisch; „Was?? In Europa wird noch Kreide verwendet?“ hat
er zu mir gesagt. Dafuer muss ich jetzt mit einem Marker auf ein Blatt
Papier schreiben, dass unter der Kamera staendig verutscht, und meine
Schreibflaeche ist mir auch zu klein. Rueckschritt durch Fortschritt!
dafuer kann/muss ich die Papiere danach einscannen lassen und zusammen mit
meinen Slides online stellen.

Nach der Vorlesung (Ende gegen 11:40, werde aber wie immer von Studenten
bestuermt, die Fragen haben) arbeite ich an den naechsten Slides fuer morgen, da ruft mich Quanbo an. Der Kamin wird eingebaut, laeuft alles nach Plan.

12:30: Sprechstunde fuer Calculus. Es kommen 4-6 Studis, die alle
unterschiedliche Fragen haben. Groesstes problem ist die Notation, die
Studenten sind mehr y=f(x) als x |-> f(x) gewoehnt, und obwohl ich eine
partielle Ableitung definiert habe, hapert es noch mit dem Verstaendnis.
Einige Studis sind aber richtig gut. Das erste Uebungsblatt, dass
teilweise hammerhart war, haben die besten von ihnen vollstaendig geloest,
nach Zusammenarbeit in Gruppen (ich bestehe jedoch auf Einzelabgabe). Fuer
Aydin, Elke und andere interessierte Leser ist hier das erste Uebungsblatt.

c186_01.pdf

13:40: Ich schmeisse den letzten Studenten raus, muss selber arbeiten.
Vorlesung online stellen, vorbereiten, endlich mal meinen Papierkram aufraeumen.

16:20: Ich mache mich auf den Weg zu Quanbo, die die ganze Zeit lang die
Handwerker in unserer Wohnung beaufgsichtigt hat. Normalerweise ist das
zwar nicht noetig, dass sie jeden Schritt ueberwacht, aber der Kamineinbau
wird von einer anderen Firma gemacht, und wegen des Marmors ist da
sorgfaeltiges Arbeiten besonders wichtig. Auf dem Weg werde ich noch bei
der Citibank Geld abheben (gebuehrenfrei (!) direkt vom Potsdamer Konto),
denn die Kaminhandwerker sollen heute die zweite Haelfte ihrer Bezahlung
bekommen (solche Sachen sind hier streng vertraglich geregelt; unsere
allgemeinen Handwerkerfirma aus Anhui wird in 40-40-15-5% Schritten zu
genau definierten Zeitpunkten bezahlt.).

Als ich zu Fuss am U-Bahnhof ankomme, klingelt mein Handy – die Verwaltung
hat Stress gemacht, weil die Handwerker Loecher in die Aussenwand gebohrt
haben. Das ist natuerlich noetig, denn der Schornstein muss ja irgendwie
aud der Wohnung heraus. Selbstverstaendlich weiss die Verwaltunmg nichjts
von dem Kamin, die Situation muss also mit etwas Fingerspitzengefuehl
gehandhabt werden: Quanbo hat sich nichtblicken lassen, die Handwerker
waren schlau genug, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie in der Wohnung
ist und haben auch nicht gesagt, was sie eigentlich bei uns machen. Sie
haben lediglich behauptet, sie seien Freunde, die uns einen (nicht weiter
spezifizierten) Gefallen taeten. Eigentlich darf naemlich nur ein
verwaltungseigener Bohrmeister solche Aussenloecher bohren, da aber das
Kaminprojekt sicherlich sofort untersagt worden waere, haben wir unsere
Kamininstallateure gebeten, selbst einen Bohrer mitzubringen.

Quanbo wird auf ihrem Handy von einem Verwaltungsheini angerufen, der ihr
matuerlich sofort erzaehlot, dass das so nicht geht. Sie behauptet, wir
haetten nicht gewusst, dass es ein Bohrmonopol der Verwaltung gibt, und
lediglich angenommen, es sei eine besondere Serviceleistung, dass die
Verwaltung fuer einen Loecher bohrt. Damit scheint die Sache erledigt,
einziges Problem: es fehlt noch ein Loch. Obwohl Quanbo den Arbeitern
gesagt hat, sie sollen schnell noch das eine angefangene Loch zu Ende
bohren, nachdem die Verwaltung da war, ist der Chef jetzt ziemlich
verunsichert. Insbesondere, weil das fehlende Loch nicht in die Hauswand,
sondern in eine ueberdachung unserer Terasse gebohrt werden soll. Es ist
meines Erachtens strittig, ob diese Ueberdachung eher zu unserer Terasse
gehoert, oder ob sie zum Hausdach zu zaeheln ist, welches
Gemeinschaftseigentum ist. (Wir haben schon Horrorgeschichten von anderen
gehoert, wo Hausverwaltungen Bauarbeiter zusammengeschlagen haben, weil sie
Fensterrahmen in der falschen Farbe installieren wollten!) Deswegen ruft
sie mich an, und erzaehlt mir alles vorgefallene. Ohnehin wollen die
Handwerker bis spaet abends arbeiten, um soweit wie moeglich fertig zu
werden.

19:30 Ich bin der Wohnung, habe unterwegs Geld geholt, und sehe die
Handwerker beim Bastelon des Innenteils des Schornsteins. Es sieht alles
ziemlich professionell aus, und ich bin zufrieden. Der Chef, der den Kamin
nahc unsreen Vorgaben auch designed hatte, mag mich aus irgendeinem Grund,
und freut sich, mir einen „echten Holzkamin“ basteln zu koennen. (Sonst
gibt es hier nur eigentlich Zierkamine mit Storm, oder Gasoefen als Kamin
verkleidet.) Quanbo und ich reden mit ihm, dass er das fehlende Loch noch
bohrt, denn die Verwaltung wird ab jetzt ein besonderes Auge auf unsere
Aktivitaeten haben. Es ist schon dunkel, die Verwaltunsgheinis sind nach
hause gegangen, nur ein Wachdienst ist noch auf dem Gelaende. Eigentlich
eine gute Gelegenheit, um ein voraussichtlich illegales Loch zu bohren.

Problem #1: Chef hat Angst vor der Verwaltung, die ihn ziemlich
zusammengeschissen hat. Wir schaffen es aber, ihn zu beruhigen.

Problem #2: Die Ueberdachung ist etwa 5 meter ueber unserer Terasse, man
kommt aber vom gemeinschaftsdach drauf. Der 30 cm durchmessende
Betonzylinder wuerde aber beim Bohren von oben u.U. herunterfallen, nicht
nur auf unsere Terasse, sondern vielleicht auch gleich 12 Stockwerke nach
unten. Dann haben wir aber richtig Aerger mit der Verwaltung, denn er
wuerde bestimmt nicht die unter uns liegenden Hausanbauten/Fenster/Terassen
unbeschaedigt lassen.

Zwischendurch sieht es so aus, als wuerde heute nichts mehr passieren. dann
ueberredet sich der Chef selber, das ganze durchzuziehen, und kommt auf
dcie Idee mit langen Holzstaeben eine Holzplatte unter dem Dach
einzuklemmen.

Das ganze ist typisch chinesisch: Last-Minute-Improvisation, von
Arbeitssicherung (fast) keine Spur, alles haelt nur durch Glueck und
Spucke. Aber es funktioniert! Als das Wasser des langsam laufenden Bohrers
auf die Terasse tropft, ist es geschafft.

Es wird noch ein wenig aufgeraeumt, die Arbeiter wollen essen gehen, da
kommt ganz ueberraschend der Li (der Chef der Anhui Handwerkerfirma), mit
dem Fenstertypen (jemanden, der eigentlich einige Fenster bei uns erneuern
soll). Er redet mit dem Tischler und dem (Strom-, Wasser- und Gas-)
Leitunsgtypen, die beide bei uns in der Wohnung uebernachten und sich
gerade zu essen gekocht haben.

Wir verabschieden uns aber erstmal. Hier ein paar Photos von den Kaminarbeiten:

kamin_1.jpg   kamin_2.jpg   kamin_3.jpg

kamin_4.jpg   kamin_6.jpg   kamin_5.jpg

21:30 Wir fahren mit den (vier) Handwerkern irgendwo etwas Essen. Wir
beschliessen, sie einzuladen, als Belohnung fuer ihren illegalen und
teilweise lebensgefaehrlichen Einsatz. Jetzt gerade ist Saison fuer chin.
Flusskrebse, und wir entdecken einen kleinen Laden in der Nahe von der Wohnung von Quanbo’s Eltern, vor dem auf der Strasse Aquarien stehen und die
Krebse in einem grossen Garstand gekocht werden.

Wir geben etwa 20 Euro fuer 7 Flaschen Bier und Krebse (groesste und
mittelscharfe Variante, auf anraten der Bedienung) aus und freuen uns, dass
der Kamin zu klappen scheint.

23:00: Wir sind zu hause. Quanbo’s Eltern schlafen schon, registrieren
aber, dass wir kommen. Wir sinken ins Bett. Ich habe morgen um 8 uhr
Vorlesung, da ich noch etwas vorbereiten will, werde ich um 4 Uhr
aufstehen, fuenf Uhr aus dem Haus, 7 Uhr an der Uni.

Das war der Montag. bei uns ist fast jeder Tag so „interessant“, wenn auch
nicht immer ganz so dramatisch. Meistens sind die Probleme frustrierender
und langweiliger, aber genauso essentiell. Zum Bloggen bleibt eigentlich
keine Zeit…

Man hat mir gesagt, es soll irgendwann mal Ostern gewesen sein. Davon
bekommen wir hier ueberhaupt nichts mit. Im Gegensatz zu Weihnachten hat
sich Ostern hier noch nicht als westliches Konsumfest durchgesetzt.
Vielleicht sind auch die Christlichen Assoziationen zu gross?

Jedenfalls hoffe ich, dass wir mal wieder Zeit finden was zu schreiben.

P.S. Es gibt online Konzertphotos von dem Metal Konzert. Wer genau hinschaut kann sogar bekannte Gesichter entdecken. Schaut mal rein bei http://www.yuyintang.com/module.php?act=flashback&do=showd&id=200