Ich habe lange nicht mehr geschrieben, der ganze Stress mit den
Handwerkern und die Arbeit an der Uni haben mich wie
Quanbo vereinnahmt.
Vorletztes Wochenende war die Vorauswahl der Studenten fuer das
Wintersemester. D.h. vor den regulaeren
Schulabschluss-/Uniaufnahmepruefungen wurden schon gute Schueler
angeworben, und der Pool der Kandidaten auf ca. 50 heruntergeschmolzen.
Dies geschah mittels Auswertung der Bewerbungsunterlagen, wie ich in dem
letzten Eintrag beschhrieben habe. U.a. habe ich auch mitgeholfen, die
eingereichten Englischaufsaetze zu korrigieren, die in ihrer Qualitaet von
grottenschlecht bis einzigartig rangierten. Die uebriggebliebenen 50
Sschueler wurden dann zu einem Interview geladen, dass mit der Gesamt-Uni
gemeinsam veranstaltet wurde (solche Vorauswahlen sind hier ueblich, das
ist keine Besonderheit des JI). Das bedeutete zunaechst, dass insgesamt
900 Schueler eine Klausur schrieben und nochmals anhand dieser Klausur
sortiert wurden. Schlussendlich haben wir dann am vorletzten Wochenende 50
Kandidaten auf 25 Studenten destilliert. Ich glaube ich erspare Euch die
Details der Einzel-Interviews, die auf Englisch verliefen (nach einem
Gruppeninterview in 5-er Gruppen auf Chinesisch). Unter den Schuelern
waren einige sehr, sehr gute, die beispielsweise einen Preis in einem
Lego-Mindstorms Wettbewerb gewonnen hatten oder als Projekt eine
funktionierende mehrstufige Rakete mit automatischem Abwurf der
verbrauchten Zuendstufen gebaut hatten. (Zum Aufsatzthema „Erzaehle von
einem schweren Rueckschlag und wie Du ihn ueberwunden hast.“ schrieb einer
„Es war eine grosse Enttaeuschung fuer mich, als ich nicht Erster der
nationalen Informatik-Olympiade geworden bin.“) Jednefalls ist dieser
stress vorrueber und ich bekam einen Eintrag (leider nur auf chinesisch)
in der Uni-Zeitung, wo man schrieb, dass zum ersten Mal in der Geschichte
der Jiaotong Uni ein Auslaendeischer Lehrer an dieser Ausweahl beteiligt
wurde. Na ja.
Ich habe inzwischen etwas mehr ueber das JI erfahren. Es ist erst letztes
Jahr, im Juli 2006, gegruendet worden. Ich unterrichte damit den einzigen
vorhandenen Jahrgang in Mathe und Physik. Fest angestellt sind im Institut
nur ganz wenige Leute: Mein Chef, Prof. Zhang, und der Leiter, Prof. Ni,
sowie eine Beauftragte fuer studentische Angelegenheiten, Zhao Feng, und eine
suedafrikanisch-staemmige Englaenderin, Renay, die Maedchen fuer alles
ist. Zudem arbeitet noch der Dekan des Ingenieurwiss. Instituts, Xi,
Teilzeit am JI. Und ich. Das war’s dann schon, wenn man vonm studentischen
Hilskraeften und ein oder zwei Sekretaerinenn/Studentenbetreuerinnen
absieht. Da Ni andauernd in Michigan
ist und immer nur fuer wenige Tage hereinschneit, und Xi fast nie zu sehen
ist, sind unsere Institutstreffen sehr uebersichtlich. Trotzdem werden sie
strikt jeden Montag um 8:30 abgehalten.
Das Institut befindet sich also noch im Aufbau. Das bedeutet zum einen,
dass einiges Geld da ist, zum anderen, das wenig anderes vorhanden ist.
Invesi=titionen in Infrastruktur werden nur aeusserst zoegerlich
vorgenommen, wie mir Zhao Feng und Renay berichten. Und vieles ist etwas
chaotisch; laut Vertrag kriege ich 2000 RMB (200 Euro) fuer „misc.
expenses“, d.h. eine Unkostenpauschale. Trotzdem sollte ich fuer den
Betrag eine Quittung erbringen. Ich habe Zhao feng auseinandergesetzt, was
eine Pauschale ist, aber mich trotzdem bereit erklaert zu kooperieren. Als
ich fragte, was fuer Quittungen akzeptabel seien, fragte sie die
„Financial Lady“ (FL) der Uni, die zweimal die Woche bei uns die Rund emacht um
solches Zeug abzurechnen, und sie meinte: „Food“. WTF? 200 Euro an
„verschiedenen Ausgaben“ via Essensquittungen?? Ja, es gibt hier teure
Restaurants, aber ich wollte das Geld eigentlich verfeiern. Zhao Feng
meinte (sehr chinesisch), ich sollte einen der Handwerker, die unsere
Wohnung renovieren doch bitten, auf seine Rechnung „Essen“ zu schreiben.
Ich entgegnete (noch chinesischer), dass wir unsere Preise niedriger
gehandelt haetten, indem wir uns bereit erklaert haetten, auif eine
Quittung zu verzichten. Schlussendlich hat sie es mit der Quittung fuer
den Umzugscontainerzoll (was fuer ein Zufall: auch genau 2000 Yuan) zu
versuchen. Die FL hat nicht gemeckert, bin gespannt, was die
Uni-Buerokratie dazu sagt.
Solcher Art Geschichten habe ich einige zu erzaehlen, und es werden jeden
Tag mehr. Ich will aber einen Blog und kein Buch schreiben, also
bneschraenke ich mich ein wenig. Kurz gesagt: alles ist im Fluss, und
keiner hat Ahnung wie man das Institut ueberhaupt organisiert. Zhang hat
Renay gebeten, das Institutshandbuch der UM fuer das JI umzuarbeiten.
Diese gab es ihm zurueck und sagte: „Zwecklos. In Michigan haben sie
viele, sehr grosse Institute, und wir haben nach deren Massstaeben nicht
einmal ein Rumpfinstitut.“
Naechste Woche faengt das Semester an, das hier 20 Wochen lang ist.
Zunaechst habe ich in Mathe und Physik die 200 chinesischen Studenten,
nach 11 Wochen endet die Mathe-Vorlesung, und eine neue beginnt, diesmal
in zwei Gruppen zu je 100 Studenten, von denen ich eine, und ein Prof. der
dann aus Michigan kommt, die andere uebernehmen.
Letzte Woche sollte ich die TAs (Teaching Assistants; ich sage dauernd
„Technical Assistants“, was die Leute hier, die sehr auf Status versessen
sind, ganz verrueckt macht. Ich erklaerte Ihnen, dass TA in Deutschland,
was anderes bedeutet, und mich deren „Tea-Aay“ immer durcheinander bringt.
So richtig glaubt mir das keiner.) die fuer mich arbeiten sollen
interviewen. Mehr als vier Stunden lang habe ich im Viertelstiundentakt
Studenten verschiedener Semester nach der l’Hosptalschen Regel (Beweis!)
befragt, um die auszusortieren,
Heute bin ich dann mit den „Auserwaehlten“ Tee & Kaffee trinken gegangen.
Es war sehr nett, aber ich glaube, ich bin ein wenig ein Kulturschock fuer
sie. Die meisten chinesischen Studenten sind sehr brav, und in den
Wohnheimen gibt es 50-60-jaehrige „Tanten“ die ueber die Moral wachen und
Maedchen aus den Jungenwohnheimen fernhalten (& umgekehrt). Dabei sind die
Studenten schon 20 und aelter. Jedenfalls versuche ich ihnen zu
vermitteln, dass strenge Mathematik und Spass im Leben sich nicht
gegenseitig ausschliessen.
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ein paar Photos von meinem Weg zur
Arbeit und meinem Buero zeigen, aber ich bin heute wieder nicht dazu
gekommen, welche zu machen. Quanbo hat mir eine Kaffeemaschine gekauft
(das ist Liebe!), die ich mit ins Buero getragen habe, und ich haette eh
keine Hand frei gehabt.
Das war’s erst mal von mir. Ich hoffe, bald mal wieder zu schreiben, dann
mit Photos.
