Archiv für März 2007

Arbeit an der Uni

März 27, 2007

Ich habe lange nicht mehr geschrieben, der ganze Stress mit den
Handwerkern und die Arbeit an der Uni haben mich wie
Quanbo vereinnahmt.

Vorletztes Wochenende war die Vorauswahl der Studenten fuer das
Wintersemester.  D.h. vor den regulaeren
Schulabschluss-/Uniaufnahmepruefungen wurden schon gute Schueler
angeworben, und der Pool der Kandidaten auf ca.  50 heruntergeschmolzen.
Dies geschah mittels Auswertung der Bewerbungsunterlagen, wie ich in dem
letzten Eintrag beschhrieben habe.  U.a. habe ich auch mitgeholfen, die
eingereichten Englischaufsaetze zu korrigieren, die in ihrer Qualitaet von
grottenschlecht bis einzigartig rangierten.  Die uebriggebliebenen 50
Sschueler wurden dann zu einem Interview geladen, dass mit der Gesamt-Uni
gemeinsam veranstaltet wurde (solche Vorauswahlen sind hier ueblich, das
ist keine Besonderheit des JI).  Das bedeutete zunaechst, dass insgesamt
900 Schueler eine Klausur schrieben und nochmals anhand dieser Klausur
sortiert wurden. Schlussendlich haben wir dann am vorletzten Wochenende 50
Kandidaten auf 25 Studenten destilliert. Ich glaube ich erspare Euch die
Details der Einzel-Interviews, die auf Englisch verliefen (nach einem
Gruppeninterview in 5-er Gruppen auf Chinesisch). Unter den Schuelern
waren einige sehr, sehr gute, die beispielsweise einen Preis in einem
Lego-Mindstorms Wettbewerb gewonnen hatten oder als Projekt eine
funktionierende mehrstufige Rakete mit automatischem Abwurf der
verbrauchten Zuendstufen gebaut hatten. (Zum Aufsatzthema „Erzaehle von
einem schweren Rueckschlag und wie Du ihn ueberwunden hast.“ schrieb einer
„Es war eine grosse Enttaeuschung fuer mich, als ich nicht Erster der
nationalen Informatik-Olympiade geworden bin.“) Jednefalls ist dieser
stress vorrueber und ich bekam einen Eintrag (leider nur auf chinesisch)
in der Uni-Zeitung, wo man schrieb, dass zum ersten Mal in der Geschichte
der Jiaotong Uni ein Auslaendeischer Lehrer an dieser Ausweahl beteiligt
wurde. Na ja.

Ich habe inzwischen etwas mehr ueber das JI erfahren. Es ist erst letztes
Jahr, im Juli 2006, gegruendet worden. Ich unterrichte damit den einzigen
vorhandenen Jahrgang in Mathe und Physik. Fest angestellt sind im Institut
nur ganz wenige Leute: Mein Chef, Prof. Zhang, und der Leiter, Prof. Ni,
sowie eine Beauftragte fuer studentische Angelegenheiten, Zhao Feng, und eine
suedafrikanisch-staemmige Englaenderin, Renay, die Maedchen fuer alles
ist. Zudem arbeitet noch der Dekan des Ingenieurwiss. Instituts, Xi,
Teilzeit am JI. Und ich. Das war’s dann schon, wenn man vonm studentischen
Hilskraeften und ein oder zwei Sekretaerinenn/Studentenbetreuerinnen
absieht. Da Ni andauernd in Michigan
ist und immer nur fuer wenige Tage hereinschneit, und Xi fast nie zu sehen
ist, sind unsere Institutstreffen sehr uebersichtlich. Trotzdem werden sie
strikt jeden Montag um 8:30 abgehalten.

Das Institut befindet sich also noch im Aufbau. Das bedeutet zum einen,
dass einiges Geld da ist, zum anderen, das wenig anderes vorhanden ist.
Invesi=titionen in Infrastruktur werden nur aeusserst zoegerlich
vorgenommen, wie mir Zhao Feng und Renay berichten. Und vieles ist etwas
chaotisch; laut Vertrag kriege ich 2000 RMB (200 Euro) fuer „misc.
expenses“, d.h. eine Unkostenpauschale. Trotzdem sollte ich fuer den
Betrag eine Quittung erbringen. Ich habe Zhao feng auseinandergesetzt, was
eine Pauschale ist, aber mich trotzdem bereit erklaert zu kooperieren. Als
ich fragte, was fuer Quittungen akzeptabel seien, fragte sie die
„Financial Lady“ (FL) der Uni, die zweimal die Woche bei uns die Rund emacht um
solches Zeug abzurechnen, und sie meinte: „Food“. WTF? 200 Euro an
„verschiedenen Ausgaben“ via Essensquittungen?? Ja, es gibt hier teure
Restaurants, aber ich wollte das Geld eigentlich verfeiern. Zhao Feng
meinte (sehr chinesisch), ich sollte einen der Handwerker, die unsere
Wohnung renovieren doch bitten, auf seine Rechnung „Essen“ zu schreiben.
Ich entgegnete (noch chinesischer), dass wir unsere Preise niedriger
gehandelt haetten, indem wir uns bereit erklaert haetten, auif eine
Quittung zu verzichten. Schlussendlich hat sie es mit der Quittung fuer
den Umzugscontainerzoll (was fuer ein Zufall: auch genau 2000 Yuan) zu
versuchen. Die FL hat nicht gemeckert, bin gespannt, was die
Uni-Buerokratie dazu sagt.

Solcher Art Geschichten habe ich einige zu erzaehlen, und es werden jeden
Tag mehr.  Ich will aber einen Blog und kein Buch schreiben, also
bneschraenke ich mich ein wenig.  Kurz gesagt: alles ist im Fluss, und
keiner hat Ahnung wie man das Institut ueberhaupt organisiert.  Zhang hat
Renay gebeten, das Institutshandbuch der UM fuer das JI umzuarbeiten.
Diese gab es ihm zurueck und sagte: „Zwecklos.  In Michigan haben sie
viele, sehr grosse Institute, und wir haben nach deren Massstaeben nicht
einmal ein Rumpfinstitut.“

Naechste Woche faengt das Semester an, das hier 20 Wochen lang ist.
Zunaechst habe ich in Mathe und Physik die 200 chinesischen Studenten,
nach 11 Wochen endet die Mathe-Vorlesung, und eine neue beginnt, diesmal
in zwei Gruppen zu je 100 Studenten, von denen ich eine, und ein Prof. der
dann aus Michigan kommt, die andere uebernehmen.

Letzte Woche sollte ich die TAs (Teaching Assistants; ich sage dauernd
„Technical Assistants“, was die Leute hier, die sehr auf Status versessen
sind, ganz verrueckt macht.  Ich erklaerte Ihnen, dass TA in Deutschland,
was anderes bedeutet, und mich deren „Tea-Aay“ immer durcheinander bringt.
So richtig glaubt mir das keiner.) die fuer mich arbeiten sollen
interviewen.  Mehr als vier Stunden lang habe ich im Viertelstiundentakt
Studenten verschiedener Semester nach der l’Hosptalschen Regel (Beweis!)
befragt, um die auszusortieren,

Heute bin ich dann mit den „Auserwaehlten“ Tee & Kaffee trinken gegangen.
Es war sehr nett, aber ich glaube, ich bin ein wenig ein Kulturschock fuer
sie. Die meisten chinesischen Studenten sind sehr brav, und in den
Wohnheimen gibt es 50-60-jaehrige „Tanten“ die ueber die Moral wachen und
Maedchen aus den Jungenwohnheimen fernhalten (& umgekehrt). Dabei sind die
Studenten schon 20 und aelter. Jedenfalls versuche ich ihnen zu
vermitteln, dass strenge Mathematik und Spass im Leben sich nicht
gegenseitig ausschliessen.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ein paar Photos von meinem Weg zur
Arbeit und meinem Buero zeigen, aber ich bin heute wieder nicht dazu
gekommen, welche zu machen.  Quanbo hat mir eine Kaffeemaschine gekauft
(das ist Liebe!), die ich mit ins Buero getragen habe, und ich haette eh
keine Hand frei gehabt.

Das war’s erst mal von mir. Ich hoffe, bald mal wieder zu schreiben, dann
mit Photos.

Quanbo schreibt

März 24, 2007

Liebe Freunde,

es ist schon lange her, dass wir gebloggt haben. Es gibt jeden Tag so viel zu erledigen, dass wir abends gar nicht dazu kommen, was zu schreiben. Es gibt mal wieder viel zu berichten.

Als die Bauarbeiter nach dem Fruehlingsfest langsam vom Lande nach Shanghai zurueckkehrten, konnten wir erst eine Renovierungsfirma namens Fujia beauftragen, bei uns in der Wohnung die urspruengliche Treppe abzureissen und einen neuen Betonboden mit Stahltraegern gestaerkt zu giessen. (Die entsrechenden Photos hat Horst schon hochgeladen.) Unsere Idee war, die Arbeit schrittweise zu bezahlen und ggf. verschiedene Firmen zu nehmen, unsere Wohnung zu renovieren. Fujia hat die Treppe binnen zwei Tagen abgerissen, verlangte 800 Yuan (ca.80 Euro) und der Boden sollte 1400 Yuan kosten. Fuer uns klang der Preis akzeptabel, von anderen Nachbarn haben wir widerum erfahren, dass der regulaere Preis (fuer Chinesen) nur halb so hoch sein sollte. Wir waren ueberhaupt nicht gluecklich darueber. Zusaetzlich zu dem Aerger hat die Firma ohne unser Einverstaendnis Holzplatten fuer spaetere Moebeln ausgesucht und bereits in die Wohnung einliefern lassen! Das war zu viel!

Wir beschlossen, die Firma zu wechseln, das ganze Holz abtransportieren zu lassen und die bisher geleistete Arbeit zu bezahlen. Herr Li, Chef der Firma, flippte aus. Er behauptete, allein das Hochschleppen wuerde 600 Yuan kosten, ausserdem koennte man die angefangene Arbeit seines Elektikers (der hat einige Stromleitungen in den Waenden verlegt) nicht genau berechnen, er wuerde den Bauarbeitern einer anderen Renovierungsfirma alle Arme und Beine brechen, sollten sie den Mut haben, bei uns weiterzuarbeiten etc. Mit einem Wort, nein, er daechte nicht daran, uns als Kunde zu verlieren! Immerhin hatte er bereits an unseren Fenstern Werbungen mit riesigen Schriftzeichen Fujia aufgeklebt!

Die harte Verhandlung fing erst an: Herr Li holte seinen Oberchef, Herrn Lu, der uns gegenueber etwas mehr Verstaendnis zeigte. Das Problem war: wir waren das erste Geschaeft der Firma, fuer sie wuerde es grosses Unglueck bedeuten, wenn wir sie mitten drin „rausschmeissen“ wuerden. Die Firma wollte das Herausreissen der Treppe nicht als Geschaeft verstehen, sondern die Renovierung der ganzen Wohnung! Sie wuerde das Gesicht verlieren, wenn alle Leute in unserem Wohnblock zuschauen wuerden, wenn das Holz wieder abgeschleppt werden sollte. Wir waren entsetzt! Herr Lu gab uns noch zu verstehen, dass er sogar mit der Mafia zurechtkaeme und dass wir doch eine gemeinsame Loesung finden sollten. War das etwa eine Drohung?! Wir hatten schon vertsanden, dass wir mit der Firma leben mussten, also wollten wir das beste daraus machen. Wir liessen Li eine Liste mit Preisen zusammenstellen, was in der Wohnung gemacht werden sollte, und gaben ihm zu verstehen, dass wir die Firma erst dann weiterbeschaeftigen wuerden, wenn wir nicht mehr ueber den Tisch gezogen wuerden. Lu und Li fingen an zu laecheln, fuer sie war das Geschaeft gerettet. Wir durften sogar die Preise korrigieren, bis sie uns gefallen und die Liste mit Extrawuenschen ergaenzen. Was wollten wir mehr? Da der Tischler sehr faehig sein sollte, liessen wir saemtliche Schraenke und Regale von ihm basteln, insgesamt haben wir einen vernuenftigen Preis fuer die komplette Wohnung herausgehandelt.

Inzwischen sind alle Strom- und Wasserleitungen verlegt, der Tischler ist wirklich sehr gut und arbeitet schnell und praezise. Er hat alle Tueren und fast alle Fenstern (einige wollen wir wegen Undichtheit austauschen) mit einem Holzrahmen versehen und an einigen Stellen die Decke abgehangen, damit wir spaeter indirektes Licht installieren koennen. Gleichzeitig hat er bereits einen Kleiderschrank und ein Buecherregal gebastelt. Beste Qualitaetsarbeit!

Haben wir schon erwaehnt, dass wir eine Zentralheizung in der Wohnung haben wollen? Wir hatten Ende Februar insgesamt sieben Firmen kontaktiert, die Heizungen einbauen konnten. Jede behautete, sie sei die beste vom Fach und werde den besten Boiler verkaufen. Also liessen wir alle sieben Firmen zu uns kommen und einen Kostenvoranschlag machen. Es hatte viel Nerven gekostet, da sie teilweise widerspruechliche Sachen erzaehlt hatten, wie z.B. ob ein Wasserverteiler sinnvoll waere. Na ja. Schlussendlich haben wir eine Firma genommen (der Techniker hatte ziemlich viel Ahnung und konnte uns mit seinen Zahlen ueberzeugen), die uns einen vernuenftigen Bosch-Boiler angeboten hatte und alle Wasserrohre sorgfaeltig miteinander verschmolzen hatte. Der Fussboden sieht jetzt aus wie der U-Bahn-Plan von Shanghai!

Einige Tage hier in Shanghai waren so kalt und feucht, dass wir beschlossen, zusaetzlich zur Zentralheizung auch noch einen Kamin einbauen zu lassen. Wir hatten mit Mueh und Not eine Firma ueberredet, die sonst nur fertige Kamine installierte, einen Kamin fuer uns anzufertigen, der extra auf eine Wohnzimmerecke zugeschnitten ist. Die meisten Wohnungen in Shanghai haben naemlich keine Schornsteine, aber ein Glueck, dass unsere Wohnung im obersten Stockwerk ist: der Designer plant, ein Abzugsrohr aus Edelstahl mit einer Laenge von 4 Metern zu konstruieren, das dann nach aussen abknickt. Wir sind sehr gespannt, ob der Kamin was wird.

Unser Container war am 10. Maerz im Shanghaier Hafen angekommen. Die Umzugsfirma hatte sich um alle Zollformalitaeten gekuemmert. Gott sei Dank hatte der Zoll nur 2000 Yuan verlangt. Am 21. Maerz wurden alle 200 Kisten und Moebel angeliefert, wir hatten bereits zwei Zimmer dafuer vorgesehen. Es war auch noetig: das eine Zimmer wurde vom Fussboden bis zur Decke vollgestellt! Leider hatten wir festgestellt, dass einige Sachen beschaedigt waren, da muessen wir noch mit der Versicherung auseinandersetzen.

Metal in Shanghai

März 12, 2007

Nachdem wir in den letzten Wochen jede Menge Handwerkerstress hatten, haben wir uns am Samstag ein wenig Freizeit gegoennt. Die Beijinger Metal Gruppe Suffocated (erstickt) gab im Yuyintang Club (einem alten Lagerhaus) ein Konzert.

Um 21:00 Uhr sollte es losgehen, Quanbo rief sicherheitshalber nochmal an, ob noch Karten an der Abendkasse zu haben seien, und wie die Verhaeltnisse seien (ein Rolling Stones Konzert hier vor ein paar Jahren hatte nur Sitzplaetze). Es sei alles so wie im Westen, sagte man uns, Karten waeren kein Problem, Einlass auch um 21:00 Uhr.

Am Abend machten wir uns auf den Weg, gluecklicherweise war die Halle nahe einer U-Bahn Station, und wir fanden sie relativ schnell. Vor dem Eingang standen auch schon Chinesen, teilweise in Leder, groesstenteils aber in „Zivil“. Eintritt kostete umgerechnet 5 Euro/Person, ein T-Shirt der Gruppe 6 Euro. Erfreulicherweise sind die Preise noch nicht wie im Westen! Im Gebaeude war es relativ klein, „Lagerhaus“ wohl eine etwas uebertriebene Bezeichnung. Wir schaetzen die Haupthalle auf maximal 6 m x 15 m. Hinten links war eine kleine Eckbuehne, aus den Lautsprechern droehnte Death Metal. Obwohl schon fuenf nach neun, konnten wir ohne im geringsten zu draengeln einfach bis nach vorne, so etwa 3-4 m vor die Buehne, vor uns standen nur 2-3 Reihen Leute. Ueberraschend viele Frauen, fand ich, die zwar zumeist mit Freund da waren, aber nicht lustlos „mitgeschleppt“ wirkten.

Nach zehn Minuten trat ohne Ankuendigung eine Vorband auf, ihr Name wurde nicht genannt. Wie schon fast erwartet handelte es sich um Death-Metal, aber anstelle des gewohnten finnisch-nordischen Gegruntzes traellerte der Leadsaenger mit einer derart hohen Stimme ins Mikro, dass wir unwillkuerlich an Vogelstimmen denken mussten. Der eine Gitarrist trug eine Jeans und darueber einen braunen Strickpullover, war ganz auf sein Instrument konzentriert und wirkte insgesamt mehr wie ein Chorknabe. Der andere hatte anscheinend ein abgetragenes Pantera Shirt aufgetrieben. Der Leadsaenger hingegen fiel vor allem durch seinen Harraschnitt auf: nur 1 cm lange Stoppelhaare sind zwar nichts besonderes, aber er legte ein so intensives Headbanging und -swinging hin, als ob er eine gigantische Maehne hatte. Insgesamt schwankten wir zwischen Laecheln, Mitleid und Faszination ob des bescheidenen Enthusiasmus der Band. Zwischendurch bedankte sich der Saenger (auf chinesisch) noch fuer die Gelegenheit, hier auftreten zu duerfen, und spaetestens da klebte das Label „Brave Schuelerband“.

Nach einer halben Stunde verabschiedete sich die Gruppe, und der Raum fuellte sich ein wenig mehr. Wir sahen auch immer mehr Auslaender im Publikum. Als Suffocated auf die Buehne kamen (sie touren anscheinend zu ihrem 10-jaehrigen Bandjubilaeum) brach lauter Jubel aus. Die vier stellten sich zunaechst andaechtig auf, schlossen die Augen, blickten zu Boden, und liessen melodische Musik aus der Buechse erklingen. Nach 30 Sekunden schrie eine weibliche Stimme aus dem Publikum auf chinesisch „Packt den Tiger in den Tank! Spielt endlich los!“, was mit Gelaechter aufgenommen wurde. Davon unbeirrt meditierte die Band noch 1-2 Minuten weiter zu den sanften Melodien, bevor sie loslegte. Wenigstens traellerte der Saenger nicht wie die Vorband! Es bildete sich bald eine spontane Mosh Pit, die mindestens zur Haelfte von Auslaendern frequentiert wurde, und wir hoerten 90 Minuten lang recht akzeptables Metal. Wie sich das genau anhoerte, koennt ihr auf diesem Video sehen, das auf der aktuellen CD (Konzertpreis: 2 Euro) drauf ist.

Der „boese“ Eindruck, den die Band zu vermitteln versuchte, wurde allerdings etwas gestoert, als sie sich gegen Ende fuer die von einer Musikschule zur Verfuegung gestellten Instrumente bedankte – Metal in China ist wohl ein hartes Brot!

Von dem Konzert haben wir keine Photos, da wir unsere Kamera aus Angst vor Aerger am Einlass nicht mitgenommen hatten. Die Angst war vollkommen unbegruendet – es gab keine Taschenkontrolle, keine Security Heinis, keine Nervereien. Waehrend des Konzerts uebten sich einige Auslaender im Stagediving, erlaubt war was gefaellt.

Haarstile des Abends: ein Chinese mit echten Rastafari-Straengen, eine Chinesin mit gruen gespikten Haaren in 70er-British-Punk Art.

Chinesische Zensur

März 6, 2007

Wie im folgenden Artikel zu lesen ist, hat China den Zugang zu einem weiteren Anbieter von blogs gesperrt – ich bin fuer TOR ja so dankbar!

http://www.wired.com/news/technology/0,72872-0.html

Zentralheizung, Aufenthaltsgenehmigung, Container & 1. Arbeitstag

März 6, 2007

Am Wochenende haben wir beschlossen, ein fuer alle Mal zu klaeren, wer fuer wieviel Geld welche Zentralheizung bei uns einbauen wird. Dazu haben wir insgesamt sieben (7!) Firmen bei uns vorsprechen lassen. Jede behauptete natuerlich, sie sei gleichzeitig die billigste, die zuverlaeesigste, wuerde nur das beste Material verwenden und alle anderen Firmen, insbesondere diejenigen, die vielleicht doch billiger schienen, wuerden nur Schrott und Schund verkaufen.

Dadurch sind wir zu wahren Experten ueber solche Sachen wie die Dehnung von Kunst- und Verbundstoffleitungsrohren aus Materialien wie PPR, PEX, PB, PILS, Kupfer-PB geschichtet oder PB mit Antioxidationsschicht geworden. Nebenbei haben wir Vor- und Nachteile von Boilern und Heizkoerpern aus Italien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, der Tuerkei, Finnland und Spanien (sowie diversen Joint-Ventures von solchen Firmen, die in China produzieren) kennengelernt. Interessant war u.a. dass hier Boiler von Ferolli (Italien) mit Namen Domina oder Tantaqua sehr beliebt sind, und eine Google Suche nach „Ferroli Tantaqua“ fast nur russisch-sprachige Seiten zu Tage fuehrt. WTF?

Jedenfalls haben wir Angebote von 3000-5000+ Euro fuer eine Komplettinstallation eingeholt (hier ueblich: detaillierte Aufschluesselung in Exceldatei via email) und trotz der Vielzahl an verschiedenen Techniken doch Vergleiche anstellen koenne, die eine grosse Preisspanne fuer identisches Material verrieten. Wir werden aber wohl mit 2500-2800 Euro davonkommen, da wenigstens ein realistisches Angebot dabei war.

Innerhalb von drei Tagen ist unsere Treppe herausgeschlagen, eine Wand eingerissen, und eine neue Wand aufgebaut worden, sowie eine 4qm grosse Zwischendecke (wo die Treppe war) eingezogen worden. Damit verdoppelt sich unsere Kuechenflaeche. In zwei Wochen ist die Betondecke getrocknet. Gesamtkosten: ca. 300 Euro. Hier einige Photos:

neuer_boden_1.jpg neuer_boden_2.jpg neuer_boden_3.jpg

Gestern (Montag) konnten wir unsere Aufenthaltsgenehmigungen abholen, und das lief ohne Probleme ab und ging sogar schnell. Unser Container sollte am Sonntag angekommen sein, und fuer den Zoll ist die 1-Jahres-Genehmigung wirklich notwendig, also brachten wir meinen Pass gleich bei Asianexpress vorbei (heute ist er per Expresslieferung schon zurueckgekommen; das Zollformular ist fertig). Anscheinend verspaetet sich das Schiff aber, laeuft erst am 10. Maerz ein. Ist ja auch nicht schlimm, wenigstens haben wir die Buerokratie hinter uns. Wenn er ankommt, wird ausgelost, welche Container vom Zoll geoeffnet und genau unter die Lupe genommen werden…

Nebenbei haben wir gestern Nachmittag noch unseren Fussboden bei einer Bambusparkettfirma bestellt. Es gibt hier so grosse Gebaeude mit einzelnen Staenden, eigentlich wie bei einer Messe, die jeweils probieren, ihre Sachen (Fliesen, Tiffanyglasfenster, Tuerschloesser, Lichtschalter etc.) zu verkaufen. Wir haben hart verhandelt – eine Anbieterin hat bei ihrem Chef angerufen, und der hat sich geweigert, zu unserem Preis zu verkaufen, beim Stand gegenueber wurde auch angerufen, und der Chef hat zoegernd und mit Bequatschen der Verkaeuferin zugestimmt. Hintergrund: In China ist das erste Geschaeft im (chinesischen) Neuen Jahr sehr, sehr wichtig und gilt als Omen fuer die kommenden 12 Monate. Daher machen viele Leute, insbesondere, wenn sie aberglaeubisch sind, dann auch ein Geschaeft an dem sie nichts oder fast nichts verdienen.

Unser Parkett wird auf „Drachenknochen“, also einem Holzgitter, verlegt, denn der Beton hier wird nicht trocken genug, als dass man das Parkett direkt aufkleben koennte. Wir sind auf den Gedanken gekommen, die Hohlraeume mit Glaswolle auslegen zu lassen, um die (i.a. schlechte) Isolierung zu verbessern (zudem hat Bambussparkett den Ruf, etwas kaelter als andere Holzparkette wie Teak oder Merbau zu sein). Das ist hier nicht ueblich, aber einer der umstehenden Verkaeufer (neugierig sind sie immer) hatte so etwas schon mal gesehen, und konnte uns helfen, der Verkaeuferin zu erklaeren, was wir wollten. Die erste wollte sich nicht auf einen Pauschalpreis einlassen, die zweite aber schon, wie gesagt. Die zweite nannte das Zeug „Steinwolle“, und wir dachten: „Wunderbar, wieder was gelernt!“ Der Chef meinte zwar noch, er wuerde abraten, dass sei „schlecht fuer die Atemwege“, aber ich sagte, das sei unter dem Fussboden unbedenklich (ich kenne Glaswolle von einer Dachbodenausbauaktion in meinem Elternhaus in Hamburg). Heute morgen schaut Quanbo noch mal, um sicher zu gehen, ins Lexikon und stellt fest: Steinwolle = Asbest! Offenbar wird das hier noch verwendet. Gefaehrlich fuer die Atemwege ist natuerlich gar kein Ausdruck!! Ich haette das wissen sollen, als der Chef der Verkaeuferin meinte, es sei ja ausserdem feuerhemmend. Jedenfalls hat Quanbo viel herumtelephoniert, die Bambusfirma laesst uns 50 cent/qm noch weiter im Preis nach und cancelt das Asbest, Glasswolle selber besorgt kostet (ebenfalls heraustelephoniert) ebenfalls 50cent/qm, Problem erledigt, aber Nerven aufdgerieben. Das ist ein sehr gutes Beispiel fuer die vielen Kleinigkeiten, die einem hier in der Planung und Ausfuerhung der Renovierung solchen Stress machen.

Ausserdem waren wir gestern bei den Leuten, die unseren Kamin bauen sollen, es wird natuerlich eine Sonderanfertigung (weil kleiner Eckkamin), hoffentlich nicht zu teuer.

Heute (Dienstag) bin ich dann zu meinem ersten Arbeitstag an dem „University of Michigan – Shanghai Jiaotong University Joint institute“ (kurz: UM-SJTU JI; noch kuerzer: JI) gefahren. Mit Bus & Bahn & Taxi brauche ich knapp 2 Stunden fuer einen Weg, wobei ich auf das Taxi verzichten und laufen kann (was ich ab jetzt tun werde); dann komme ich nur auf wenig mehr Zeit. Jetzt gerade sitze ich uebrigens im Bus und tippe auf einem Laptop (Danke, Rolf!!) diesen text – die Zeit kann ich also wenigstens nutzen. Zurueck zum Thema: wie alle Zimmer in Shanghai sind die im Institut nur durch eine kleine Klimaanlage/Heizluefter Kombination in der Wand gewaermt, in meinem zugewiesenem Buero dauert es Ewigkeiten, bis es warm wird. Merkzettel zum mitbringen: Schokolade, Kaffeemaschine, Bueromaterial (!).

Offenbar habe ich im Sommersemester doch nur 200 Studenten, alles Chinesen un d keine Amerikaner. Ich bin erleichert, denn die Chinesen sind alle sehr gut in Mathe, die Amis nicht so doll, und ein solches Gefaelle haette mir ganz schoen Muehe bereitet. Jedenfalls sagt mein Chef (Prof. Zhang), dass die chinesischen Studenten, obwohl sie amerikanische Calculus Buecher verwenden, am liebsten russische Uebungsaufgaben loesen, um in Form zu bleiben. Das kommt mir auch gelegen, ich bin gespannt, wie sie auf meine aus Potsdam mitgebrachte Sammlung reagieren werden. Die erste Haelfte des Semesters halte ich eine Vorlesung (Calculus 186) alleine, danach kommen Lehrkraefte aus Michigan, und in der darauffolgenden Calculus 285 Vorlesung soll ich mich mit einem Ami abwechseln, und wir sollen natuerlich Uebungsaufgaben & Klausuren (Midterm & Final) koordinieren. Darauf bin ich ja besonders gespannt!

Nebenbei halte ich alleine eine durchgehende Physik Vorlesung fuer Anfaenger, ich habe heute schon das Buch bekommen, ein 1500 Seiten Mammutwerk in Softcover (!) dass sehr, sehr angewandt wirkt. Was ich daraus erzaehlen soll, weiss ich noch nicht, ich werde mit der Frau, die vorher die Vorlesung gehalten hat, reden.

Man ist zu der Erkenntnis gelangt, dass Powerpoint fuer Beweise doch nicht so toll ist, Zhang sagte, man haette nebenbei auch Kreide verwendet, das haette aber das Problem, dass Studenten aus den hinteren Reihen das nicht lesen koennten. Also ist nun eine Art Papier-Polylux System installiert worden, wo ich auf ein Blatt Papier schreiben kann, und die Schrift dann an die Wand gebeamt wird. Parallel kann (soll) ich natuerlich trotzdem Slides verwendne. Das werde ich ueben muessen. Der Vorlesungsbetrieb beginnt am 2. April oder so.

Zunaechst geht es jetzt aber darum, dass ich mithelfen soll, die Studenten fuer das naechste Semester auszuwaehlen. Zwar sind die Abiturpruefungen erst im Sommer, die Uni pickt sich aber die Creme der Studenten schon jetzt ueber ein Antragsverfahren heraus – Lehrerempfehlungen, Aufsatz des potentiellen Studenten etc. Es soll jetzt ein Modell etabliert („pioniert“, wie Zhang gerne sagt) werden, anhand dessen aus den Antraegen diejenigen ausgesucht werden, die zu einem Interview eingeladen werden. Das ganmze soll mathematisch nachvollziehbar und objektiv sein. Und ich soll das machen. „Na dann, gute Nacht!“, denke ich mir.

Morgen ist ein Meeting, indem das ganze diskutiert wird. Eine englische ehemalige Krankenschwester, die hier jetzt Assistenten (Sekretaerin) ist, soll die ca. 60 Aufsaetze durchschauen, ich soll mir die Tabelle vornehmen. In jeder Tabelle wird der Schueler/pot. Student von einem Schullehrer hin sichtlich verschiedener Aspekte in Kategorien eingeordnet. Die Topkategorien sind: „Beste 10%“, „Beste 5%“, „Einer der besten Schueler, die mir je begegnet sind“. Bei der Musterakte, die mir zufaellig herausgesucht wurde, ist natuerlich letztere am meisten und die 10% Kategorie nur einmal angekrutzt, ansonsten einige top-5% – bei insgesamt 14 diversen Eigenschaften! Ich vermute stark, dass dies bei allen Applikanten so ist. Wie man daraus, mathematisch und objektiv ein Auswahlverfahren fuer Intervieweinladungen machen soll, darueber soll ich morgen was erzaehlen… ich erspare mir jeden weiteren Kommentar. Hier noch einige eklektische Photos:

schwein-werbung.jpg strassenszene.jpg nachtaufnahme.jpg

Ein Lebenszeichen :-)

März 3, 2007

Das schwierige am Bloggen ist, dass je mehr man erlebt und zu berichten hat, desto weniger Zeit hat man dazu. Bis letztes Wochenende war hier alles zu wegen der Neujahrsferien, und es gab nichts erwaehnenswertes zu schreiben. Diese Woche ging es dann um so schneller, im typischen Shanghaier Eiltempo, zur Sache.

Im folgenden sind mit „den Chinesen“ eine gemischte Gruppe, bestehend aus Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Handwerkern/Designern und eigentlich allen Leuten, denen wir begegnen und in China aufgewachsen sind, gemeint. Explizit ausgeschlossen sind chinesisch-staemmige Amerikaner, die es hier zahlreich gibt, und die fuer unser Denken einiges Verstaendnis haben.

Wir haben eine Handwerksfirma beauftragt, einige grobe Arbeiten auszufuehren. Hier ist es aber normalerweise so, dass man einer Firma sagt „Renoviere meine Wohnung!“, ihr einen festen Geldbetrag pro qm gibt und den Rest, vom Designen bis zum Materialkauf, ihr ueberlaesst. Diese „Ein Drachen“ loesung kostet dann von 20 Euro pro qm aufwaerts, wobei natuerlich fuer einen so billigen Preis nur Svhrottmaterial zu erwarten ist.

Wir hingegen wollen in vielen Aspekten selber nach Elementen suchen, die hier absolut nicht-standard sind – z.B. ein echter offener Holzkamin und eine Zentralheizung. Ausserdem sind wir mit den hier Baumarktueblichen Riesenfliesen fuer Bad und Kueche nicht gluecklich, und haben ueberhaupt in vielerlei Hinsicht andere geschmaecker als die Chinesen, die haeufig einen pseudo-europaeischen Stil zu pflegen versuchen. Letztendlich laeuft es, denke ich, wohl darauf hinaus, dass wir unsere Wohnung selber planen und einrichten moechten. dazu haben wir selber inzwischen vier Firmen aufgetan und kontaktiert, die Zentralheizungen einbauen, und suchen selber nach einem geeigneten Parkettboden, sowie Badezimmerfliesen und Kuechenschraenken.

Dies Vorgehen trifft hier zumeist auf Unverstaendnis, was Quanbo insbesondere beansprucht. Wenn die Chinesen zu sehr probieren, uns zu irgendetwas zu ueberreden, das wir gar nicht wollen, zeigt sie einfach auf mich und sagt: „Der Auslaender will es aber so!“, was ihr zumindest Verstaendnis und haeufig auch ein sofortiges Kapitulieren des Gespraechspartners bringt – zumindest 5 Minuten lang.

Wir haben jetzt die Treppe weghauen lassen, eine neue Wand einziehen lassen und die Verbindungswand zur Kueche zerkloppt, was uns insgesamt die vorher sehr kleine Kuechenflaeche verdoppelt hat – sie ist jetzt fast so gross wie unsere ehemalige Kueche in Potsdam. Dort wo die Treppe war, wir auch ein Betonboden bzw. eine Decke eingegossen, was uns im Obergeschoss ebenfalls ein kleines Zimmer bringt. dafuer kommt dann ins Wohnzimmer eine Wendeltreppe. Den Chinesen gefaellt es ueberfhaupt nicht, dass wir die Treppe gegenueber der Haustuer aufstellen (schlechtes Feng Shui), das ist aber der einzige Ort dafuer.

kueche_ex_treppe.jpg kueche_ex_treppe_2.jpg

Heute Nachmittag wird der Zwischenboden gegossen. Wir haben auch schon den neuen Verlauf der Wasserrohre geplant, denn ein kleineres Zimmer wird zu unserem neuen grossen Badezimmer. In die urspruenglich vorgesehenen Zimmerchen passt keine Badewanne.

Zum Schluss wollte ich Euch noch einen kleinen Artikel ans Herz legen, der letzte Woche in der Zeitung stand und einige neuere Ergebnisse ueber Glutamat in der chinesischen Kueche zusammenfasste. Quanbo und ich verwenden zwar praktisch keins (unser Vorrat in Potsdam ist, glaube ich, drei Jahre lang nicht angeruehrt worden), aber wir haben auch nichts prinzipiell dagegen. Schaut mal rein, wenn ihr Lust habt:

http://www.iht.com/articles/2007/02/22/opinion/eddunlop.php

Uebrigens wollte ich noch Mal fuer alle, die vielleicht nicht so mit Blogs vertraut sind noch mal erwaehnen, dass es ueber Beitrag einen kleingeschriebenen Text „No comments“, „1 comment“, „2 comments“ oder so weiter gibt. Wenn man da drauf klickt, nbekommt man die Gelegenheit, zu dem entsprechenden Beitrag einen Kommentar zu verfassen, der dann auch von allen anderen gelesen werden kann. Bis hoffentlich bald, Horst